Im musikalischen Bewusstsein konnte sich Isaac Albéniz als raffinierter Schöpfer zahlloser Genre-Stücke für Klavier verankern. Dass er sich auch dem Musiktheater widmete, ist selbst für die spanische Musikforschung kaum ein Thema. Umso schwerer wiegt die Ersteinspielung der rekonstruierten Fassung seiner dreiaktigen Oper "Merlin" von 1902, die der Dirigent José De Eusebio verantwortet. Der erste Teil einer geplanten "König-Arthur"-Trilogie, deren zweiter Teil "Lancelot" Fragment blieb und der dritte, "Guenevere", niemals realisiert wurde. Das auf den Libretti des Engländers Francis Burdett Money Coutts basierende Sagen-Projekt sollte dabei zur Hommage an Albéniz' Vorbild Richard Wagner werden. Was schon in den ersten Noten des "Merlin"-Vorspiels ohrenfällig ist, in dem ein orchestrales Netz an motivischen Bezügen mit weitausladender Sogkraft gespannt wird.
Wir hören einen effektvoll rauschenden Klangwald mit kunstvoll eingearbeiteten, iberischen Melodie-Lichtungen (3. Akt), in dem das Sänger-Ensemble sich aber nicht immer zurechtfindet. Besonders die Sprachdiktion des Englischen macht Carlos Álvarez zu schaffen, um der Titelpartie Plastizität zu geben. Allzu sehr lässt er sich da von dem Substanzreichtum der Partitur treiben, es sind kaum Phrasierungsbögen auszumachen.
Im Gegensatz dazu gehen Jane Henschel und Ana Maria Martinez die weiblichen Hauptrollen mit Temperament und theatralischem Impetus an, wenngleich die angesteuerten Kulminationspunkte manchmal zu forciert, zu gewalttätig wirken. Die eigentlichen Argumente für diese Ausgrabung liefern das feinnervige Dirigat Eusebios sowie Plácido Domingo als König Arthur. Seine Stimme ist ein Jungbrunnen geblieben, voll gestalterischem Feuer und psychologischer Intensität.

Guido Fischer, 01.12.1999



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