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Peter Iljitsch Tschaikowski, Dmitri Schostakowitsch

Violinkonzert, Violinkonzert Nr. 1

Midori, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

Sony SK 68338
(72 Min.) 1 CD

Midoris Tschaikowski - die zarteste Einspielung, seit es das Violinkonzert dieses einsamsten aller homoerotischen Komponisten gibt. Doch Ironie beiseite: Schon die ruhige, unprätentiös gestaltete Einleitung zeigt, dass hier dem Klischee vom schmissigen oder gefühligen Schmachtfetzen eine klare Absage erteilt wird. Zwar lässt sich Abbado die Chancen zu den satten Tutti-Schlägen nicht entgehen, aber es wird nicht im Schwulst gebadet, sondern auf Zwischentöne, ja Verhaltenes geachtet. Dazu passen die hinreißenden Bläsereinlagen der Philharmoniker und die kleinen, wohldurchdachten Rubati - Zeichen des Innehaltens, gleichsam des Fragens an diese allzu oft traktierte Virtuosenmusik.
Man mag bedauern, dass Midori im Vergleich etwa zu Anne-Sophie Mutters blutvollem, in den Tiefenlagen hinreißend sonorem Spiel nicht genügend “aufwühlt”. Aber ihr schlanker, graziler Ton entschädigt dafür. Im übrigen überrascht die Live-Einspielung mit einigen bislang ungehörten Takten vor allem im dritten Satz, die die üblicherweise gekürzte Fassung vorenthält.
Midoris mitunter gebrechlich anmutende Zurückhaltung verleiht auch Schostakowitschs Erstem Violinkonzert, insbesondere seiner so gar nicht romantischen Nocturne-Eröffnung, eine gespenstisch-fahle Farbe. Auf dem 1947/48 komponierten und erst nach Stalins Tod 1955 uraufgeführten Werk lastet die Kulturpolitik Stalins und der sowjetische Antisemitismus, dem Schostakowitsch hier mutig mit Anleihen aus der jüdischen Musik entgegentritt. Dem grotesken Scherzo, in dem Schostakowitsch in die Rolle des jüdischen Geigers schlüpft, der lustig aufspielen muss, obwohl er lieber heulen möchte, wie auch der ergreifenden Passacaglia kommen dabei zentrale Deutungsrollen zu.
Hier verschenkt Midori Ausdrucksmöglichkeiten, besonders in der groß angelegten Solokadenz. Doch was Midori in diesem sehr sinfonisch angelegten Konzert schuldig bleibt, machen die Berliner Philharmoniker in der Rolle des zweiten, nicht minder wichtigen Solisten wett.

Christoph Braun, 30.06.1998



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