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Viktor Ullmann, Gustav Mahler

Lieder

Roman Trekel, Burkhard Kehring

Berlin Classics/Edel 0017472BC
(55 Min., 3/2002, 10/2003) 1 CD

Roman Trekel ganz in seinem Element: Mit der hier vorgestellten Auswahl von Liedern Victor Ullmanns überzeugt der stimmgewaltige Bariton ungleich viel mehr als mit den meisten anderen seiner Liedproduktionen der letzten Jahre. Eine breite Palette stimmlicher Ausdrucksmittel bringt er im Dienste plastischer, unmittelbar packender Umsetzung von Hafis- und Hölderlin-Liedern des in Auschwitz umgekommenen Komponisten souverän zum Einsatz. Melancholisch-komödiantisches Talent zeigt er in "Vorausbestimmung", einer launigen Rechtfertigung irdischer Genüsse durch kreatives Aufgreifen der Prädestinationslehre, von Ullmann in einen leicht verfremdeten Cakewalk gefasst. Zartestes Mezza voce, wie man es bei Trekel sonst vor allem vermisst, bestimmt die "Abendphantasie", einen jener atemberaubenden Hölderlin-Gesänge, die Ullmann unfassbarerweise im Ghetto Theresienstadt zu komponieren vermochte.
Für die über anderthalb Jahre später eingespielten Mahler-Lieder möchte man das Lob nicht so uneingeschränkt aussprechen: Warum steht Trekel das zauberhafte Mezza voce, mit dem er bei Ullmann zu begeistern vermag, in Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen" nicht mit ähnlicher Brillanz zur Gebote? Insgesamt bekommen wir bei den Mahler-Liedern mehr den gewohnten Trekel zu hören, der vor allem im oberen dynamischen Bereich und entsprechend auch mit dramatischen Ausbrüchen zu beeindrucken versteht; besonders "Revelge", aber u. a. auch "Um Mitternacht" bereiten ihm vor diesem Hintergrund wenig Mühe. Wo jedoch die entspannte, frei ausschwingende Gestaltung großer Legatobögen gefragt ist, stellt sich häufig die Balance zwischen sprachlicher Präsenz und ungehindertem Fließen der Stimme nicht ein.
Die Leistung des Begleiters Burkhard Kehring ist hingegen durchgehend auf höchstem Niveau angesiedelt: Weder das orchestrale Idiom der pianistisch bisweilen recht unhandlichen Mahler-Gesänge noch die technischen Schwierigkeiten der Ullmann-Lieder hindern ihn jemals daran, den oftmals beträchtlich eigenwertigen Klavierpart souverän zum Klangerlebnis zu gestalten.

Michael Wersin, 13.03.2004



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