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Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier (Band I)

Daniel Barenboim

Warner 2564 61553-2
(124 Min., 12/2003) 2 CDs

Im Booklet stellt Daniel Barenboim heraus, dass ihn Bachs Präludien und Fugen-Kompendium von Kindesbeinen an begleitet hat. Und vielleicht benötigte Barenboim mit dem "Wohltemperierten Klavier" ja so einen verlässlichen Lebensgefährten, um nicht ganz im selbst gewählten Arbeitsstrudel unterzugehen. Ob sich das Bach-Bild in den letzten fünfzig Jahren bei Barenboim verändert hat, ist angesichts der jetzt veröffentlichten Schallplatten-Premiere zwar nicht nachzuvollziehen. Einen radikalen Wurf durfte man auf jeden Fall nicht erwarten. Vielmehr ist Barenboims Einspielung des 1. Buchs des "Wohltemperierten Klaviers" ein weiteres Zeugnis von seinem ungemein souveränen Umgang mit diesen Hochkonzentraten in Form und Ausdruck. Souverän - das meint die technisch natürlich untadeligen Möglichkeiten, mit denen Barenboim die vertikalen Verwinklungen ausmisst. Was die Beleuchtung dieses Zyklus angeht, zwingt ihn seine unerschütterliche Haltung aber zugleich im Verlauf des Zyklus zu einer statisch wirkenden.
Barenboim wollte zuallererst Nachschöpfer einer autonomen Kunstleistung sein. Und weniger Ausdrucksmusiker. So entwickelt er ein durchaus zeitloses Ebenmaß im melodiösen Schönen und Intimen. Und die forsche Gangart im a-Moll-Präludium ist so schlackenlos, wie das b-Moll-Präludium zu einer nahezu nüchternen Prozession wird. Doch in dieser Seriosität steckt der Teufel im Großen und Ganzen, man wünscht sich bisweilen exzessiv ausgezirkelte Glenn-Gould-Vernunft oder einen Schuss metaphysischer Swjatoslaw-Richter-Schwere. Dass Barenboim bei seinem Absolutheitsanspruch dann doch noch ein wenig Empfindsamkeit in die Wagschale legen wollte, ist immerhin im Es-Dur-Präludium zu erleben. Wenngleich sich diese Architektur mit ihren Verstrebungen und abgedunkelten Seitengängen in einem Klangbild Busoni'schen Ausmaßes auflöst.

Guido Fischer, 11.12.2004



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