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Robert Schumann

Sinfonische Etüden, Fantasie

Bernd Glemser

Naxos 8.55 7673
(72 Min., 20/2002) 1 CD

So also klingt das ungezügelte Verlangen. Wild-wonniglich stürzt es, in kraftvolles C-Dur gewandet, hinein in die Welt, bricht sich Bahnen, schaufelt den von Dickicht umrahmten Pfad frei für die Liebe, oder besser: für die Hoffnung auf selbige. In den knappen, von seinem Schöpfer verfassten Worten heißt es folglich und logisch: "Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen". Nun lässt sich trefflich streiten, wie das Phantastische, das Phantasievolle (denn beides hat der Literatenkomponist Robert Schumann mit dem Terminus romanticus "phantastisch" insinuiert) zu klingen habe, und welcher Gestalt die Leidenschaft denn wesentlich sei. Über eines aber lässt sich nicht streiten: So wie Bernd Glemser, der Pianist ohne Fehl und Tadel, die Sache angeht, mag man sich nicht so recht verführen lassen.
Eignet ihm vielleicht nicht das Naturell, welches von Nöten wäre, um den Überschwang in Töne zu kleiden? Es ist schwer zu sagen. Tatsache jedoch ist, dass man beim Anhören der "Fantasie" op. 17 häufig, allzu häufig (und eben nicht nur im erwähnten ersten Abschnitt) den Eindruck gewinnt, hier habe der Interpret die Relevanz des Notentextes (Artikulation, Phrasierung, große Linie etc.) vor die Freiheit der Ideen gestellt. "Ruinen, Triumphbögen und Sternenkranz" (so der ursprüngliche Kurztitel für die Fantasie) werden in ihrem ambivalenten Dreiecksverhältnis allzu unscharf konturiert. Will meinen: Das Kaleidoskopische ist zurückgedrängt hinter die Darstellung dessen, was geschrieben, was "notiert" steht. Robert Schumann tut man damit keinen Gefallen, er verlangt geradezu nach dem Ausbruch aus dem Korsett: Zumal darin liegt ja eben seine emanzipatorische Tat im Künstlerkampf mit (nicht unbedingt gegen) Beethoven, dass er die Revolte über die Vorschrift stellt. Ist das bei der "Fantasie" noch in Teilen abgefedert durch eine perfekte pianistische Lesart, so mangelt es den "Symphonischen Etüden", die Glemser in toto spielt (also mit den "Anhang"-Variationen) entschieden an jenem prosaischen, an den Weltgrundfesten rüttelnden Gestus, den sie verlangen, und den beispielsweise ein Lev Vinocour in seiner Einspielung vom vergangenen Jahr so wunderbar differenziert und zugleich schroff ausgelotet hat. Unsere Empfehlung an den Pianisten: Mehr Verlangen bitte! Und mehr Mut!

Jürgen Otten, 05.02.2005



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