Responsive image
Johann Sebastian Bach

Kantaten Vol. 16

Johannette Zomer, Sandrine Piau, Sibylla Rubens, Bogna Bartosz, Annette Markert, James Gilchrist, Paul Agnew, Christoph Prégardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Orchestra, Ton Koopman

Challenge Classics/Note 1 CC72216
(193 Min., 6/2001, 11/2001, 2/2002, 3/2002, 2/2003, 10/2003) 2 CDs

Die sechzehnte Folge von Ton Koopmans Gesamtaufnahme der Bachkantaten enthält Perlen aus dem dritten Leipziger Kantatenjahrgang, der, anders als die beiden vorausgehenden, nicht innerhalb eines Jahres, sondern innerhalb dreier Jahre (1725-27) komponiert wurde: Bachs Kompositionsfluss in puncto Kantaten hatte sich verlangsamt, aber die Qualität der Stücke hat unter dieser allmählichen Verlagerung des Interesses - Bach begann, sich anderen Gattungen zuzuwenden - keineswegs gelitten. Dies beweist, um nur eines von vielen Meisterwerken herauszugreifen, etwa der Eingangschor von BWV 27 "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende": Das höchst chromatische, mit Mühe sich dahinschleppende Orchestervorspiel schafft eine ernste, bedrückte Stimmung, mit der Bach treffsicher jene typisch barocke Weltmüdigkeit charakterisiert, die sich in der vom Chor vorgetragenen Choralstrophe widerspiegelt; sie vermischt sich mit dem sehnlichen Wunsch nach einem "guten Ende". Zwischen den Choralzeilen kommentieren Solisten mit eingeschobenen Solopassagen die Aussagen des Liedtextes, begleitet gleichfalls von der unbeirrbar voranschreitenden wehmütigen Orchester-Klage. Solche Sätze sind besonders große Momente im ohnehin großartigen Vokalwerk Bachs: Es entfaltet sich ein mehrschichtiges Szenario von überwältigender musikalisch-theologischer Aussagekraft.
Weitere Highlights dieser Folge: Die Bass-Solkantate BWV 82 "Ich habe genug" in der sehr soliden Interpretation des bewährten Klaus Mertens; man fragt sich allerdings, warum dieser zweifellos begnadete Sänger sich nicht endlich das Aspirieren von Melismen abgewöhnt; besonders in der zweiten Arie ("Schlummert ein") wird durch diese Unart das Legato empfindlich gestört. Erfreulicher Bogna Bartoszs Version der Alt-Solokantate BWV 170 "Vergnügte Ruh’, beliebte Seelenlust": Diese ausgezeichnete Sängerin bietet dank ihrer hinsichtlich der Register sehr ausgewogenen, warm timbrierten Stimme eine gute Alternative zu Andreas Scholls Maßstäbe setzender Interpretation dieser Kantate unter Herreweghe (harmonia mundi). Unter den drei Tenören dieser Folge erfreut am meisten der stimmlich höchst präsente James Gilchrist durch brillante Ausbalancierung des empfindlichen Verhältnisses von Sprache und Ausdruck einerseits und Stringenz der Melodieführung andererseits.
Der Eingangschor der Kantate BWV 102 "Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben" verlangt auch vor dem Hintergrund einer so gekonnten Darbietung wie derjenigen des Amsterdam Baroque Choir eindeutig nach einfacher Sängerbesetzung; zu solistisch-individuell führt Bach hier die vokalen Linien, als dass ein Chor hier reüssieren könnte (man ziehe die bei Chandos erschienende umwerfende Aufnahme der "Kyrie"-Parodie dieses Chores innerhalb der Messe BWV 235 mit Gritton, Blaze, Padmore und Harvey zum Vergleich heran): Anhand eines solchen Chores ließe sich über die leidige Chorstärke-Frage erneut trefflich streiten. Licht und Dunkel, Spitzenleistung und weniger Gelungenes liegen insgesamt auch in dieser Folge von Koopmans Mammut-Produktion wieder nahe beieinander; die Probleme (ein Stichwort: Sängerauswahl) sind bekannt, aber ändern wird sich jetzt nichts mehr: Die letzten vier Folgen sind mittlerweile im Kasten.

Michael Wersin, 15.01.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top