Im Zehn-Jahres-Rhythmus setzt sich Claudio Abbado mit einem der am meisten eingespielten Werke der Schallplattengeschichte auseinander. Nach dem "Mailänder" Requiem (1980) und dem "Wiener" (1991) dokumentiert der Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie aber auch den dritten und letzten großen Karriereabschnitt Abbados. Wer jedoch glaubt, deshalb Verdi mit altersbedingter Gelassenheit präsentiert zu bekommen, der höre sich nur den musiktheatralischen Hochseilakt zwischen dem "Libera me, domine" und dem "Dies irae" an.
Mit Angela Gheorghiu, die sensationell die bedrückende Intensität spürbar leicht auszuformen versteht, baut Abbado ein Seelenpanorama von kammermusikalischer Spannung auf. Und schaltet dann von den unteren, dynamischen Stärkegraden ins Chorisch-Breitwandige um, ohne ins aufgeregt Barbarische noch ins Klangbreiige zu verfallen.
Abbado zeigt sich in der Aufnahme als großer Operndirigent, der die farbig-kraftvollen Substanzen noch nie an der Lautstärke gemessen hat. Er vermittelt eher zwischen streng beherrschter Espressivo-Interpretation (Lux aeterna), organischer, stets brillant realisierter Details und einer spirituellen Durchlichtung, die kein Belcanto braucht. Und bis auf den Bass Julian Konstantinov, der sich bisweilen vergeblich als zweiter Nicolai Ghiaurov versucht, hat Abbado dafür ein passendes Sänger-Ensemble. Der Mezzo Daniela Barcellona verwechselt mirakulöse Schönheit nicht mit ätherischer Entrücktheit, und Roberto Alagna setzt die gesamte Skala gestalterischer Differenzierungskunst ein.
Glücklicherweise haben auch die Tontechniker ganze Arbeit geleistet, um nichts von diesen mikro- und makrokosmischen Verdi-Turbulenzen zu unterschlagen.

Guido Fischer, 13.12.2001



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