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Johann Sebastian Bach

Weinen, Klagen ...

Carolyn Sampson, Daniel Taylor, Mark Padmore, Peter Kooy, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901843
(69 Min., 12/2003) 1 CD

"Was hilft der Kitzel eitler Sinnen, denn unser Leib muss selbst von hinnen?", singt der Basssolist in BWV 75: Der Vergänglichkeit irdischer Freuden war man sich im Barockzeitalter sattsam bewusst - was liegt da näher, als mit aller zu Gebote stehenden Kunstfertigkeit, mit dem Besten, was man im eitlen fleischlichen Gewande zu geben hat, nach dem Allerhöchsten zu streben? Dass dieses Beste im Falle von Johann Sebastian Bach tatsächlich Überlebensgröße erreichen konnte, wird einem gerade bei der Begegnung mit dem Kantatenwerk immer wieder bewusst. Welch friedvolle Abgeklärtheit spricht allein aus einem schlichtweg vollkommenen Kleinod wie der mit einer instrumentalen Überstimme versehenen finalen Choralstrophe "Was Gott tut, das ist wohlgetan" in BWV 12! Den Eingangschor "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" derselben Kantate, ein Frühwerk aus dem Jahr 1714, fügt Bach am Ende seines Lebens nach grundlegender, dem neuen Text gemäßer Überarbeitung, als Crucifixus in seine h-Moll-Messe ein und schließt damit - jenseits aller plumpen und wahllosen Parodiererei, wie es sie in jener Epoche freilich auch gab - einen Kreis innerhalb seines Schaffens, dessen jahrhundertelanges Überleben er wohl kaum erwartet hätte.
Herreweghe und sein Ensemble zählen ohne Zweifel zu den professionellsten historisierenden Interpreten im Bereich des Bach'schen Vokalwerks: Der mit siebzehn Sängern angenehm klein besetzte Chor stellt seine reiche Erfahrung mit den melodischen Linien dieser Musik in jeder Sekunde überzeugend unter Beweis; die Instrumentalisten agieren gleichermaßen tadellos sowohl solistisch als auch im Zusammenspiel - welchletzteres besonders lobenswert ist, denn wer Herreweghe dirigieren gesehen hat, weiß, das er zwar zu inspirieren, aber nicht unbedingt präzise zu schlagen weiß. Abstriche sind allein auf gesangssolistischer Ebene zu machen: Mark Padmore kann mit seiner oft unruhigen Linienführung bei wenig fokussierter Tongebung nicht übermäßig begeistern; der kraftvolle, gut kontrollierte Klangstrom ist noch nie seine Stärke gewesen, aber besser als hier haben wir ihn doch schon gehört. Ein wenig muffig klingt zum wiederholten Male auch Peter Kooy: Wer z. B. Gotthold Schwarz als Bach-Bassisten erlebt hat, der weiß, wie auch in dieser Stimmlage durch einen schlankeren, gebündelteren Ansatz mehr Flexibilität und eine größere Variabilität im Ausdruck zwecks effektiverer Textvermittelung zu erreichen ist. Weitaus mehr Freude machen in dieser Hinsicht Daniel Taylor und Carolyn Sampson, bei denen gesangstechnische Hürden niemals der Ausgestaltung ihrer Arien und Rezitative im Wege stehen.

Michael Wersin, 19.03.2005



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