Die Gottesmutter Maria steht im Zentrum dieser Kompilation älterer Aufnahmen, deren großer theologischer Bogen sich von der Vorweihnachtszeit (hierfür steht Vivaldis Magnificat) über die Geburt Christi (repräsentiert durch Auszüge aus Bachs Weihnachtsoratorium und Vivaldis Violinkonzert RV 270 "Per il natale") bis hin zum Kreuzestod (thematisiert mittels Auszügen aus Bachs Johannespassion) und zur Marienverehrung der katholischen Kirche (Marianische Antiphon "Salve Regina" in einer konzertanten Vertonung J. A. Hasses) ausspannt. Zum Magnificat korrespondiert Fra Angelicos berühmte "Verkündigung an Maria" auf dem Cover der CD.
Sämtliche Aufnahmen, entstanden zwischen 1989 und 2001, wurden von Ludwig Güttler geleitet. Sie sind gekennzeichnet durch ihre im Prinzip höchst konstante stilistische Ausrichtung: Es handelt sich um eine Art "Edelbarock" ohne jegliche Ecken und Kanten, gespielt auf konventionellen Instrumenten. Eine etwas pastose Klangsinnlichkeit zieht sich durch sämtliche Nummern; sie kommt zustande u. a. durch eine Orientierung an der Ausdrucksstärke des Einzeltones statt der Unterordnung desselben unter den größeren Zusammenhang der musikalischen Phrase. Es zählt zu den großen Fortschritten der nicht-historisierenden Aufführungspraxis, dass hierbei letztendlich die organische Ausgestaltung der einzelnen Phrasen nicht mehr unbedingt zu kurz kommen muss, sondern durch ein lebendiges Wechselspiel zwischen Legato und non Legato mehr oder weniger gelungen zum Sprechen gebracht werden kann; der grundsätzlich andere interpretatorische Ausgangspunkt bleibt jedoch stets wahrnehmbar. Als noch nicht so inspiriert erweist sich vor diesem Hintergrund die vorliegende Version von Bachs "Schließe, mein Herze" aus dem Weihnachtsoratorium mit langweilig dahintrottendem Violinsolo nebst süffig-dicklichem Gesang von Annette Markert (deren Teilnahme an Koopmans Bachkantaten-Gesamteinspielung daher immer wieder verwundert). Besser reüssierten Christiane Oelze und ein nicht genannter Oboist in der "Echo-Arie", die derselben, 1995 entstandenen Gesamtaufnahme des Weihnachtsoratoriums entstammt: Sie gestalten ihre melodischen Linien weitaus flexibler, eleganter und stärker textgeneriert, begleitet allerdings von einer etwas vorlauten Continuo-Gruppe.
Viel schwer verdauliches Zuckerwerk produziert der im I-Musici-Tonfall schwelgende Violinist Roland Straumer mit oben genanntem Vivaldi-Konzert; die Verzierungen für den kurzen Adagio-Mittelsatz musste er sich von Ludwig Güttler schreiben lassen. Gepflegten Wohlklang bietet Elisabeth Wilke als Alt-Solistin in Hasses "Salve Regina", profiliert sich aber nirgends durch differenzierte Farben, Spritzigkeit oder eigenständigen Ausdruckswillen. Gleichfalls unter fehlendem interpretatorischen Wagemut leidet die überaus brave Darbietung von Vivaldis Magnificat g-Moll RV 611: Fast wie eine Etüde kommt etwa das eigentlich zwecks geballt-machtvoller Wirkung im Unisono komponierte "Deposuit potentes de sede" daher - säuberlich durchartikuliert, perfekt intoniert, aber völlig ohne Feuer und Energie. So stürzt man gewiss keine Mächtigen vom Thron.

Michael Wersin, 08.01.2005



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