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Antonio Vivaldi

Virtuoso Cantatas

Philippe Jaroussky, Ensemble Artaserse

Virgin/EMI 545 721-2
(68 Min., 10/2004) 1 CD

Gerade haben wir Max Emanuel Cencics Aufnahme von Vivaldi-Kantaten genossen und uns dabei über die große, eine interessante Karriere verheißende Begabung dieses jungen Altisten gefreut, da stellt sich schon ein neues Falsettistentalent mit einem Vivaldi-Programm vor, und siehe da: Tatsächlich präsentiert der 1978 geborene Franzose Philippe Jaroussky innerhalb seines Vivaldi-Rezitals u. a. zwei der Kantaten, die auch Cencic aufgenommen hat. Ein direkter Vergleich bietet sich an.
Zunächst einmal überrascht es, wie unterschiedlich diese Musik in verschiedenen Interpretationen zum Leben erwachen kann: Cencic bietet uns die zweite Arie aus "Alla caccia dell’alme e de’ cori", obwohl mit Allegro bezeichnet, mehr als doppelt so langsam an wie nun Jarrousky! Ein Übriges tut bei Jarrousky die Wahl einer (klanglich ausgesprochen reizvollen) Orgel als Continuo-Instrument (bei Cencic spielt ein Cembalo), und schon glaubt man beinahe, ein ganz anderes Stück zu hören. Ähnlich verhält es sich beim Finale der Kantate "Care selve, amici prati": Hier zielt Cencis Darbietung mehr auf Virtuosität ab, besonders die schnellen Tonrepetitionen nötigen dem Hörer höchste Bewunderung ab. Jarrousky hingegen geht das Stück wesentlich introvertierter, verspielter und lieblicher an: Schon der rezitativisch-frei ausgeführte Beginn der Instrumentaleinleitung bereitet diesen ganz anderen Affekt vor, der tatsächlich viel besser zum Text der Arie ("Beschaulich in schattiger Laube, dort wo der Bach fließt, werde ich am Ufer ruhen und zum Plätschern der Wellen mein Lied anstimmen") passt - hier muss Cencic, dies offenbart die frappierende Stimmigkeit der Vergleichseinspielung, wohl ein bisschen der Gaul durchgegangen sein. Die Beschäftigung mit Parallelaufnahmen und die damit verbundene Entdeckung der hohen interpretatorischen Bandbreite, die diese Musik ermöglicht, verstärkt das echte, tiefergehende Interesse an solchen italienischen Kantaten, die zunächst den Verdacht erwecken, entsprechend flinken Sängerkehlen vor allem virtuose Zirkuskunststückchen zu ermöglichen.
Philippe Jarousskys Stimme ist eine der eher seltenen männlichen Sopranstimmen. Entsprechend hell und leicht erscheint sein Timbre gerade im Vergleich mit Cencic, der in derselben Lage seinen Klang wesentlich abgeschatteter und runder formt. Cencic erlaubt sich außerdem deutlich mehr opernhaften Gestus und kostet den jeweiligen Affekt der Musik mit einem breiteren Spektrum interpretatorischer Mittel wie Vibrato oder Portamento aus, während Jarrouskys betörend schöner Gesang vor allem durch Reinheit und Klarheit begeistert. Wie Cencic verfügt auch Jarrousky über ein stupendes Maß an Virtuosität, die ihm die völlig reibungsfreie Umsetzung von Vivaldis vokalen Herausforderungen ermöglicht. Sehr überzeugend ferner das Ensemble Artaserse, das Jarrousky auf der vorliegenden CD insgesamt delikater, prägnanter und einfallsreicher zu begleiten versteht als die Gruppierung Ornamente 99, die Cencic für sein Vivaldi-Album zur Seite stand. Die ins Programm eingefügte Sonate für Cello und Basso Continuo RV 47 ist daher ein zusätzlicher Gewinn für diese CD.

Michael Wersin, 16.04.2005



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