Wohl für keinen Musiker ist die Musik Anton Weberns so sehr Herzensangelegenheit wie für Pierre Boulez: Schon in seiner Jugend dirigierte er die Musik des Schönberg-Schülers, in den siebziger Jahren leitete er eine Gesamtaufnahme der Werke mit Opusziffern, und nun folgt eine zweite, aus größtenteils nicht mehr erhältlichen Einzel-CDs zusammengestellte Edition, die nun auch die erst postum veröffentlichen Kompositionen enthält - meistens Frühwerke, doch auch einige Stücke aus Weberns reifer Schaffensphase. Somit ist diese Gesamtaufnahme also wirklich vollständig - oder zumindest beinahe: Es fehlt die revidierte Fassung der Sechs Stücke op. 6; Boulez dirigiert nur die - zugegeben faszinierendere - Erstfassung; ein Vergleich der beiden Versionen wäre zumindest interessant gewesen.
Doch das ist auch schon das Einzige, was es zu kritisieren gibt, denn hier bleiben künstlerisch und klangtechnisch keine Wünsche offen. Es ist Boulez wirklich zu danken, dass er diese Werke noch ein zweites Mal aufgenommen hat, denn seine neuen Einspielungen stehen turmhoch über den alten Aufnahmen bei Sony. Legte Boulez früher fast ausschließlich Wert auf Struktur, so treten nun äußerste klangliche Sensitivität und nicht zuletzt auch Emotionalität gleichberechtigt hinzu, ohne Verzicht auf äußerste Deutlichkeit bei der Darstellung der Struktur.
Nehmen wir als Beispiel die frühen Fünf Stücke op. 10: Klingen sie in der alten Aufnahme wie ein Produkt der fünfziger Jahre, vielleicht von Boulez selbst, so hört man nun deutlich, wo diese Musik herkommt: aus dem Umkreis der Wiener Sezession, nicht zuletzt auch von Mahler, auf den sie sich, mit Herdenglockengeläut im dritten Stück, auch deutlich beziehen.
Das Einbeziehen der frühen Stücke ohne Opusziffern ist ebenfalls ein Glücksgriff, denn sie lassen ausführlich die spätromantischen Wurzeln Weberns erkennen. Ebenbürtig unterstützt wird Boulez wie gewohnt vom Ensemble Intercontemporain und, vor allem, den Berliner Philharmonikern, mit denen ihm die zurzeit aufregendste Einspielung der Passacaglia op. 1 und den Sechs Stücken op. 6 gelingt.
Auch die anderen Interpreten verbinden aufs Glücklichste analytischen Feinschliff, Mut zum Extrem und hervorragendes Gespür für die sinnliche Seite dieser Musik (wunderbar: Krystian Zimermann in den Klaviervariationen op. 27, dem einzigen “Neuzugang” der Edition), sodass Webern als ein Komponist von funkelnder Farbenvielfalt vor uns steht - ganz in Gegensatz zu dem, was die Verpackung der Sechs-CD-Box in trübsinnigen Grautönen androht.

Thomas Schulz, 06.04.2000



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top