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Iannis Xenakis

Syrmos, Synaphai, Theraps, Nekuia

Hiroaki Ooi, Frank Reinecke, Ensemble Resonanz, Symphonieorchester des BR, Chor des BR, Lothar Zagrosek, Johannes Kalitzke, Arturo Tamayo

Wergo/Schott NZ 63
(130 Min., 3/2004 - 5/2006)

Für schwache Nerven ist die Musik des Griechen Iannis Xenakis (1922-2001) noch nie etwas gewesen. Beängstigend sich aufstellende und wildwuchernde Glissandi, bedrohlich zusammengepresste Klangwolken, durch die dünne Klangstrahlen geschleudert werden, und bis zum Bersten gespannte Fäden – Xenakis´ Musik besaß vordergründig nie etwas Ausgeklügelt-Konstruiertes (obwohl er ja von Hause aus Ingenieur und Architekt war). Vielmehr steckt gerade in seinen Orchesterwerken mit den dionysischen Klangentfaltungen eine Körperhaftigkeit, eine Dreidimensionalität, die einen anspringt und die dann eben wieder auf seine Tätigkeit als Architekt verweist. Dieses verbindende Band zwischen dem Klangbaumeister und dem Raumerfinder Xenakis verläuft denn auch wie eine Art roter Faden durch das von Peider A. Defilla zusammengestellte Porträt, das auf Konzertmitschnitten aus der renommierten Münchner "musica viva"-Reihe basiert. Seit 1999 produziert Defilla für den Kulturkanal des Bayerischen Rundfunks die Sendereihe "musica viva – Forum der Gegenwartsmusik", in der 15-minütige Einführungsbeiträge das Schaffen eines Komponisten beleuchten. Und dass auch ein Zuhörer, der bislang auf die zeitgenössische Musik eher allergisch reagierte, jetzt wohl wie gebannt die vier Werke von Xenakis erkunden wird, ist nicht zuletzt das Verdienst der zumeist von Defilla geführten Interviews mit den Interpreten. Selbst wenn das Kameraauge den Erläuterungen des Kontrabassisten Frank Reinecke durch die Partitur von "Theraps" folgt, vergrößert es einfach nur das Staunen über diesen geräuschhaft-existentiellen Drahtseilakt, an dem Reinecke bisweilen selber verzweifelt ist. "Schlichtweg Wahnsinn" ist für ihn dieses Solostück, für das Xenakis selbst Töne komponierte, die der Kontrabass nicht hergibt. So einen erhellenden Blick hinter die Kulissen ermöglichen aber alle vier Sendebeiträge zu den vier, aus den Jahren 1959 (Syrmos) bis 1981 (Nekuia) stammenden Werken, die von furchtlosen Neue Musik-Hebammen wie Johannes Kalitzke, Lothar Zagrosek und Arturo Tamayo dirigiert werden. Wobei gerade der Xenakis-Experte Tamayo anlässlich des Stücks "Synaphai" für Klavier und Orchester (1969) erneut das oftmals Unspielbare am Klavierpart erläutert. Zehn Linien hat Xenakis den zehn Pianistenfingern da überantwortet, die sich nicht nur auf engstem Platz miteinander verknäueln. Manchmal kommt sogar eine elfte Linie hinzu, die man laut Tamayo dann eigentlich nur mit der Nase spielen könnte. Solche Tipps & Tricks werden so gleichermaßen zum Mutmacher für Konsumenten und Interpreten, sich mal diesen Herausforderungen zu stellen. Quasi als Bonusbeitrag ist zudem ein Interview mit dem Architekturhistoriker Florian Rist angefügt, der anhand eines Modells des 1958 für die Brüsseler EXPO erbauten Philips-Pavillons erläutert, wie der Architekt Xenakis dabei die vierte Dimension "Musik" berücksichtigte.

Guido Fischer, 15.02.2007



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