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Richard Wagner

Orchesterauszüge aus Tannhäuser, Parsifal, Tristan

Schwedischer Rundfunkchor, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

DG/Univeral 474 377-2
(70 Min., 11/2000, 3/2002) 1 CD, Live-Aufnahmen

Spätestens seit seinem Berliner konzertanten "Tristan" gilt Abbado als begnadeter Wagner-Dirigent, der wie kaum ein anderer die Klangmagie des Bayreuther Meisters auf ebenso prachtvolle wie subtile Weise zu entfalten weiß. Warum nicht nur Wagnerianer von dem Italiener schwärmen, das verdeutlichen nun diese Orchesterauszüge aus den drei verwandten, von religiöser bzw. erotischer Inbrunst getragenen Bühnenwerken des "Tannhäuser", "Parsifal" und "Tristan".
Bereits die Anfangstakte der Tannhäuser-Ouvertüre lassen aufhorchen: Abbado betreibt mit "seinen" ehemaligen Philharmonikern Klangstudien auf höchstem Niveau. Schon allein der samtige, dunkel timbrierte Tutti-Klang im Pianobereich fasziniert, nicht minder die Homogenität, die Wärme und gleichzeitige Klarheit des Blechbläserchores, wie dem Vorspiel und der Verwandlungsmusik aus dem dritten Parsifal-Aufzug zu entnehmen ist. Wagners Musik zum "Bühnenweihfestspiel" erlebt man hier zwar in breitem Duktus, jedoch nie als statisch-langatmiger oder gar klebrig-süßlicher Pseudo-Gottesdienst (davor ist auch der vibratoarm und intonationssichere Schwedische Rundfunkchor gefeit, der sich bestens in den Instrumentalklang einfügt).
Die Philharmoniker nutzen Abbados breite Tempi zu wunderbaren Legatissimo-Kantilenen, zu grandiosen Steigerungen und delikatesten Klangschattierungen. Der Gipfel dieser Klangkultur ist im "Karfreitagszauber" zu erleben: wie sich Oboe und Klarinette hier aus dem fein gewobenen Streicherteppich erheben, das hätte sich auch Wagner nicht beglückender denken können. (Nebensächlich bleibt dabei, ob er mit Abbados komprimierter "Suite" aus seinem letzten Werk konform gegangen wäre - bekanntlich akzeptierte er solche Orchesterauszüge nur als Werbemittel für seine vollständigen Bühnenwerke. Immerhin hat Abbado den Ritterzug im Original mit Chor belassen.)
Und wenn wir schon bei den geringfügigen Einschränkungen sind: der von Abbado gewählte Glockenklang geriet ein wenig zu dumpf und nebulös, und die Venus-Bacchanale der Tannhäuser-Ouvertüre hat man auch schon feuriger, lodernder gehört (so bei Solti), schließlich geriet auch das Tristan-Vorspiel eine Spur zu meditativ. Doch solche Einwände verstummen spätestens wieder beim Klangzauber des "Liebestodes", den die Berliner wie kein zweites Orchester unserer Zeit in überwältigende, gleichwohl konturierte Entladungen zu steigern vermögen.

Christoph Braun, 23.08.2003



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