Ob Ernst Josef Aufricht die Uraufführung von Kurt Weills Einakter "Royal Palace" 1927 in Berlin besucht hat, ist nicht belegt. Zumindest hätte sie ihn in seiner Vorstellung von Atonalität bestätigt. Und damit in seinen Zweifeln, dass Weill als Komponist der "Dreigroschenoper" nicht in Frage kommt. Dass Brecht Weill durchsetzte und er somit mit seiner Musik die Eröffnung von Aufrichts Theater am Schiffbauerdamm 1928 zu einem Sensationserfolg gemacht hat, ist längst Musiktheatergeschichte. Von dem Moritaten-Sound der "Dreigroschenoper" ist in "Royal Palace" zwar nichts hören. Und dennoch schiebt sich zwischen die aufgerauten, für heutige Ohren eher moderat und schon gar nicht "atonal" wirkenden Modernismen immer wieder Populäres aus Jazz und Tanzmusik ein. Weill lag da ganz im Trend der Zeitoper, als er zum zweiten Mal einen Text von Iwan Goll vertonte. Nachdem er mit der Kantate "Der neue Orpheus" Mythologie und Alltag grotesk miteinander verknüpft und mit einer Violinstimme durchzogen hatte, die Strawinskys Violinkonzert vorausahnen lässt.
Da Andrew Davis aber ein Dirigent ist, der nicht nur den Weill-Effekt mit großem Elan inszenieren kann, legt er im "Orpheus" noch weitere Schichten frei, die Weills visionären Zügen entsprechen - bis hin zum rhythmischen Schostakowitsch-Drängen und den Gershwin-Klarinetten. Während hier aber die Textverständlichkeit dem ausladenden Espressivo der Sopranistin Kathryn Harries geopfert wird, ist es im "Royal Palace" gerade Janice Watson als gleich von drei Männern umschwärmte Dejanira, die in dem englischen Sänger-Ensemble das deutsche Libretto kaum zu fassen bekommt. Dafür ist Davis einmal mehr im Besitz aller hellwachen, bühnenwirksamen Kräfte, um nicht Weills unter Hochdruck stehenden Stilpluralismus zerfallen zu lassen.

Guido Fischer, 18.12.2004



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