Responsive image
Julius Weismann

Ausgewählte Lieder

Yvi Jänicke, Birgitta Wollenweber

MDG/Naxos 603 1112-2
(70 Min., 7/2001) 1 CD

Wieder einer jener bedeutsamen Vergessenen, deren Wiederentdeckung sich unbedingt lohnt: Julius Weismann (1879-1950), Sohn des Vererbungsforschers August Weismann, studierte in München bei Josef Gabriel Rheinberger und Ludwig Thuille, dessen Kreis er eine Zeit lang nahe stand. Seine größte Popularität erreichte er zwischen den beiden Weltkriegen; in seiner Vaterstadt Freiburg gehörte er zu den Gründern des Freiburger Musikseminars, das später zur Musikhochschule wurde. In seinem umfangreichen Oeuvre spielen Lieder mit Klavierbegleitung eine wichtige Rolle - und die haben es in sich: Zwar bedient sich Weismann einer durch und durch tonalen Sprache, aber er bewegt sich äußerst kreativ durch den Kosmos der traditionellen Harmonien; hinzu kommt sein ausgeprägtes Gespür für einen effektvollen Klaviersatz (was gleich im ersten Lied dieser CD "Lass scharren deiner Rosse Huf" deutlich wird) und für eine überaus sangliche Melodik, die den Text auf unmittelbar sinnfällige Art zur Geltung bringt. Weismann wählte außerdem zahlreiche Gedichte (u.a. von Rilke und C. F. Meyer) zur Vertonung aus, die man ansonsten nicht in Liedform zu hören gewohnt ist.
Die Mezzosopranistin Yvi Jänicke widmet sich Weismanns Liedern insgesamt sehr engagiert und kompetent; überzeugend ist etwa die durchgängige Textverständlichkeit, die ihre Darbietung prägt. Allerdings ist ihr ein runder, glockiger Ton zumeist wichtiger als eine ganz saubere Fokussierung der Stimme: Viele Vokale erhalten schon im Mezzoforte einen "Deckel", und ein permanentes Nachdrücken auf fast jeder Silbe führt zu einem "Wobbel", der das eigentlich sehr schöne Timbre immer wieder verschattet. Birgitta Wollenweber, die sich schon länger mit Weismanns Musik beschäftigt, begleitet aufmerksam und in sehr guter Balance zwischen Eigenständigkeit und partnerschaftlicher bzw. auch dienender Haltung. Auffällig ist ihre sehr gute Technik in virtuosen Nummern, ein wenig irritierend gelegentlich der starke Pedalgebrauch bei langsameren Liedern.

Michael Wersin, 25.02.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top