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Egon Wellesz

20th Century Portraits

Regina Klepper, Sophie Koch, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Roger Epple

Capriccio/Delta Music 67 077
(69 Min., 11/2002) 1 CD

Wieder eine dieser zahllosen Komponistenbiografien, die, am Anfang des 20. Jahrhunderts zu reicher Entfaltung ansetzend, vom Terror des Nazi-Regimes brutal gestört wurden: Zwar endete Egon Wellesz’ (1885-1974) Lebensweg nicht, wie etwa der Victor Ullmanns, im Vernichtungslager, aber er verlief nach dem Gang ins Exil auch nicht äußerlich so erfolgreich wie derjenige Erich Wolfgang Korngolds, dessen Begabung und Stil so glücklich mit den Bedürfnissen des amerikanischen Tonfilms zusammenfiel. Egon Wellesz hat auch nach der Übersiedlung nach England im Jahre 1938 - abgesehen von einer Unterbrechung seiner Schaffenskraft während der Kriegsjahre - weiter komponiert, aber an den Erfolg seiner frühen Wiener Jahre hat er nicht anknüpfen können. Er gehörte einst zu Schönbergs Schülerkreis, emanzipierte sich aber schon bald von der Zielrichtung der Wiener Schule, die tonalen Bindungen vollkommen aufzugeben - Wellesz’ Musik, so wie man sie auf dieser Porträt-CD in Auswahl erleben kann, provoziert, ähnlich wie das Œuvre mancher seiner Zeitgenossen, jenes markante Fragezeichen, das man hinter die Vorreiterrolle der Schönberg-Schule und ihrer Nachfolger mittlerweile setzen kann und darf, wenn man die Entwicklung der klassischen Musik im 20. Jahrhundert insgesamt kritisch Revue passieren lässt. In Wellesz’ Musik gesellen sich tonale Passagen mit stark erweiterter Harmonik zu atonalen Abschnitten und Anklängen an Zwölftontechnik: In “Leben, Traum und Tod” für Altstimme und Orchester (op. 55, 1936/37) beispielsweise berühren sich diese Techniken zwanglos auf engstem Raum. Wellesz gibt einmal innerhalb der Musikgeschichte Errungenes - auch er frönte freilich als junger Mann einer impressionistisch angehauchten Schreibweise, wie sein sinfonische Stimmungsbild "Vorfrühling" op. 12 von 1912 zeigt - nicht auf, sondern bringt es in fruchtbare Wechselwirkung mit Neuem. Sein Stil zeichnet sich daher durch faszinierende Breite und Opulenz der verwendeten klanglichen und strukturellen Mittel aus; wenn er Lyrik vertont, steuert er zielsicher und differenziert die Gestimmtheiten der Texte an und verankert sie so effektiv im musikalischen Gesamtgeschehen, dass er die Gesangsstimme als Trägerin der Worte oftmals tendenziell eher instrumental geführt in den Satz einzugliedern vermag, ohne dabei auch nur im geringsten Ausdruckstiefe einzubüßen. Meisterleistungen vollbringen in den zahlreichen Orchesterliedern dieser Sammlung übrigens Regina Klepper (Sopran) und Sophie Koch (Mezzosopran), die den schmalen Grat zwischen Aufgehen im Ganzen und individuellem Ausgestalten der nicht selten durch große, unbequeme Sprünge geprägten melodischen Linien mit traumwandlerischer Sicherheit beschreiten. Sie werden begleitet vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der kompetenten Leitung von Roger Epple. Möge diese überaus gelungene Hommage an Egon Wellesz zu einer Renaissance seines kompositorischen Schaffens beitragen!

Michael Wersin, 26.06.2004



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