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Ernst Wilhelm Wolf

Vier Sinfonien

Franz Liszt Kammerorchester, Nicolás Pasquet

Naxos 8.55 7132
(65 Min., 4/2003) 1 CD

Goethe mochte ihn nicht, sei‘s drum. Umso mehr Anna Amalia, seine Weimarer Herzogin, die ihn 1772 zu ihrem Hofkapellmeister ernannte. Zwanzig Jahre, bis zu seinem Tod 1792, hatte er das Amt inne. Die Rede ist von dem 1735 im Thüringischen geborenen, in diesem musikalisch so überreichen Landstrich auch ausgebildeten Ernst Wilhelm Wolf. Der Plattenmarkt nahm bislang kaum Notiz von ihm (s. Rondo-Archiv, Rez. seines Klavierkonzerts). Nun folgen vier seiner drei Dutzend Sinfonien, spieltechnisch makellos dargeboten von den Musikern der "heimischen" Weimarer Musikhochschule unter Nicolás Pasquet. (Man sollte, der typischen Naxos-Manier zuwider, durchaus deutsch vom "Franz-Liszt-Kammerorchester Weimar" sprechen, schon um Verwechslungen mit dem Budapester "Franz Liszt Chamber Orchestra" zu vermeiden).
Die honorable Gesellschaft der beschaulichen Klassiker-"Metropole" goutierte Wolfs zumeist viertelstündigen und dreisätzigen Sinfonien in der Oper als Pausenmusik. Schon diese ihre gesellschaftlich-musikalische "Funktion" zeigt: man darf keine falschen Hör-Erwartungen haben an die im besten Sinne Kurzweil bietenden Gattungsbeiträge. Da mag das Booklet noch so musikwissenschaftlich-informativ satztechnische Neuerungen Wolfs anpreisen (etwa: "die Reprise erhält durch die Integration von Abspaltungen, Sequenzen und Modulationen beinahe den Charakter einer zweiten Durchführung"): der melodisch-harmonische und satztechnische Einfallsreichtum Wolfs hält sich in Grenzen. Er reicht wohl an die benachbarten böhmischen Zeitgenossen Stamitz, Benda oder auch Mysliveček heran, während Johann Baptist Vanhals Impetus denjenigen Wolfs ziemlich blass aussehen lässt, ganz zu schweigen von Haydns oder Mozarts einzigartigem Esprit.
Was die Veröffentlichung gleichwohl rechtfertigt und was die Werke schon damals bis ins Leipziger Gewandhaus bekannt machte, ist Wolfs orchestraler Klangfarbensinn. Er besaß, wie schon Zeitzeugen vermeldeten, "eine gehörige Kenntniß der Blaß-Instrumente". Sie lässt er denn auch in allerlei Kombinationen in den Streichersatz einfließen, sodass einige Sätze den Charakter einer virtuosen Sinfonia concertante annehmen. Andererseits: so froh man in diesem gefälligen Genre über halbwegs dramatische Moll-Verdunkelungen ist, das 11-minütige flötenseufzergesättigte Andante der F-Dur-Sinfonie lässt einen dann doch höchst ungeduldig das Pausenende bzw. den nächsten Opernakt erwarten.

Christoph Braun, 10.12.2005



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