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Osvaldas Balakauskas

Requiem in memoriam Stasys Lozoraitis

Judita Leitate, Städtischer Chor Vilnius, Christopher Kammerorchester Vilnius, Donatas Katkus

Naxos 8.55 7604
(52 Min., 2/2003) 1 CD

Schon seit längerem zeichnen sich Komponisten des Baltikums durch ein unverkrampftes Verhältnis zur musikalischen Tradition aus: Die radikale Abkehr von der Tonalität und von überkommenen Formen ist ihre Sache nicht, aber auch den plakativen Rekurs auf "spätromantische" Stilistik meiden sie durch Mühen um künstlerische Originalität. In diesem Rahmen bewegt sich auch der 1937 geborene Litauer Osvaldas Balakauskas mit seinem Requiem in memoriam Stasys Lozoraitis von 1995: Er vertont das traditionelle Textcorpus der katholischen Totenmesse mit Ausnahme einer Textumstellung (der Schluss der Sequenz ab "Lacrymosa dies illa" folgt auf das Sanctus) ganz "konservativ", knüpft aber – dies zeigt schon die besetzungstechnische Beschränkung auf Mezzosopran-Solo, Chor und Kammerorchester – nicht an die sinfonischen Requiem-Vertonungen des 19. Jahrhunderts an (wie dies etwa Penderecki in seinem Requiem polskie tat). Vielmehr greift er hinsichtlich der Linienführung und der Konzeption der Mehrstimmigkeit zurück auf mittelalterliche Vorbilder; allerdings verbindet er die organalen Techniken mit seinen ganz eigenen Methoden der Motiv- und Skalenbildung sowie besonders auch der rhythmischen Ausgestaltung, welchletztere durch Boris Blachers "variable Metren" inspiriert sind. All dies führt zu einer gleichermaßen verobjektivierten wie auch eigenwillig stockend-stolpernden Umsetzung des zentralen Textes der Sequenz, die beim Hörer streckenweise den Eindruck eines fremdartig-unwirklichen Totentanzes hervorruft. Die Mezzosopran-Solistin (klangschön und ausdrucksstark: Judita Leitate) setzt innerhalb dieses Geschehens mit ihren inbrünstigen Kantilenen immer wieder individuelle, subjektive Akzente. Insgesamt ein ebenso quirlig-lebendiges wie unterschwellig beunruhigendes Requiem, das die Begegnung mit dem Tod nicht als Schreckensszenario malt, sondern eher die ebenso nüchterne wie überraschte Kenntnisnahme vom Sterben-Müssen zu versinnbildlichen scheint, die dem "modernen", spirituell entwurzelten Menschengeist entspricht.

Michael Wersin, 11.06.2005



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