Der sattgrüne Rasen der glücklichen Bausparer-Familie, dahinter das Haus mit Lichterbogen vor der Eingangstür, ansonsten allerdings eher düster und in Halbdunkel versunken: In dieser Szenerie verlobt sich Amina mit ihrem geliebten Elvino, weiß gekleidet wie die anwesende Dorfgemeinschaft, die allerdings ebenfalls in grünstichigen Schatten getaucht ist. Aus der Düsternis des Hauses taucht dann der geheimnisvolle Rodolfo auf, in Federico Tiezzis vorliegender Inszenierung aus dem Jahre 2000 ein älterer bärtiger Herr mit Sigmund-Freud-Konnotation. Er wird im Zentrum stehen, wenn Aminas Unterbewusstsein, ihre Traumwelt sich gefährlich störend in die von allen, auch von ihr selbst angestrebte Puppenhaus-Idylle eindringen wird. Tiezzis Inszenierung mischt das traditionelle Sonnambula-Image in behaglicher Dorfatmosphäre mit absolut schlackenfreiem Happy End gehörig auf; entsprechend umstritten war sie bei ihrer Premiere in Florenz. Wenn sie auch, wie viele moderne Inszenierungen mit dem Ehrgeiz des Einbringens neuer Bedeutungsebenen, Handlung und Rollenprofile ein bisschen verbiegen muss, um irgendwie schlüssig zu werden, verleiht sie der biederen Handlung doch eine interessante, anregende neue Perspektive, ohne dabei nur zu provozieren.
Eva Mei und José Bros in den Hauptrollen machen ihre Sache prima: Bros brilliert mit seinem gleichzeitig metallischen und leichten, flexibel geführten Tenor und erweist sich als schlichtweg ideale Besetzung für den Elvino; Eva Mei, nur selten ein wenig müde klingend, agiert insgesamt hochkonzentriert, souverän und stimmschön. Der stimmlich etwas muffig-abgedunkelte Giacomo Prestia geht als Freud-Rodolfo auch glatt durch; in einer konventionellen Inszenierung würde man sich hier ein weniger (groß)väterliches Image wünschen.

Michael Wersin, 08.10.2005



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