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Die Liebe kommt

Nylon

Boutique/Universal
(49 Min.) 1 CD

Lisa Bassenge gilt hierzulande als eine der größten Sanges-Entdeckungen der vergangenen Jahre. Zusammen mit dem Pianisten Andreas Schmidt und dem Bassisten Paul Kleber legte sie 2001 ein erstaunliches Debüt-Album hin, auf dem sie ursprünglich launige Pop-Nummern von Madonna, The Police oder Paul Simon ins dunkle Grenzgebiet zwischen Jazz, Avantgarde und Chanson entführte. Mit dem Projekt "Nylon" und dem Künstlernamen Niku Sebastian geht die junge Berlinerin nun einen Schritt weiter. Sie und ihre vier Mitstreiter an Bass, Keyboards und Computern haben sich deutsche Lieder aus den vergangenen neunzig Jahren vorgeknöpft, um ihnen ein bemerkenswertes Update zu verpassen. Das Ergebnis hat nichts mit mondäner Divenhaftigkeit à la Rosenstolz, Tim Fischer oder Georgette Dee zu tun. Sondern eher mit der improvisiert-dekonstruktivistischen Remix-Philosophie von Jazzanova oder Matthew Herbert.
Aus den Klang-Bruchstücken einer Original-Anfertigung entsteht da mithilfe von Samplern, Computertechnologie und selbst eingespielten Instrumenten etwas verwirrend Anderes. Die tröstliche Schnulze "Liebesleid" der Comedian Harmonists verwandelt sich bei Nylon in einen Dub-Reggae, Senta Bergers einstige Schlager-Petitesse "Vergiss mich, wenn du kannst" erklingt als Minimal-House-Fingerübung. Des Weiteren stehen Namen wie Peter Kreuder, Hildegard Knef, Manfred Krug, Barbara Thalheim oder Ideal auf der Nylon-Komponistenliste. Ihre alte Musik erweist sich allerdings unversehens als Gegenwarts-Soundtrack. Was daran liegt, dass sie von Bassenge-Sebastian mit der gleichmütigen Lässigkeit einer Generation interpretiert wird, der die Vorurteile der Vergangenheit schnuppe sind. Das sollte man nicht vorschnell mit Ignoranz verwechseln. Vielmehr zeigt sich hier ein in Deutschland ungewohnt spielerisches Selbstbewusstsein, das mit synthetischer Elastizität klug Tradition und Moderne verbindet.

Josef Engels, 31.07.2004



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