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Dmitri Schostakowitsch

Violinkonzert Nr. 1, Suite "Lady Macbeth von Mzensk"

Vladimir Spivakov, Gürzenich-Orchester Köln, James Conlon

Capriccio 10892
(8/2000, 7/2001)

Mit ungebändigtem Ausdruckswillen interpretiert Wladimir Spiwakow das große Schostakowitsch-Konzert, das ja eigentlich eher eine Geigen-Sinfonie ist, zumindest was gedankliche Tiefe und kompositorischen Anspruch angeht. Das betrifft das nebelverhangene Nocturne ebenso wie die schnellen Sätze - das Scherzo und die Burleske, die Spiwakow mit aggressivem "Secco"-Tonfall angeht, ohne allzu viel Rücksicht auf herkömmliche Tonschönheit, dafür dem widerborstigen, nur scheinbar volkstümlichen Charakter umso besser entsprechend. Die Passacaglia nehmen Dirigent und Solist gleichermaßen streng und zügig - schließlich handelt es sich um ein Andante und kein Adagio.
Die gigantische Kadenz schließlich - wohl die mitreißendste in der konzertanten Geigenliteratur des 20. Jahrhunderts - meistert Spiwakow mit einer Energie, bei der man die zusammengebissenen Zähne spürt: Das klingt nicht so mühelos wie etwa bei Perlman (EMI), vielmehr vollzieht Spiwakow einen Drahtseilakt, bei dem ihm nicht nur seine stupende Technik, sondern auch die hundertprozentige Identifikation mit der Musik vor dem Absturz bewahrt. Wer weiß, ob das Ergebnis im Studio - dies hier ist eine Live-Aufnahme - ähnlich unmittelbar geklungen hätte. James Conlon und das Gürzenich-Orchester erweisen sich dem Solisten als ebenbürtige Partner.
Die beigegebene Suite aus Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" stammt nicht aus der Hand des Komponisten, sondern wurde von James Conlon zusammengestellt, als chronologische Zusammenfassung der Oper unter Einbeziehung der vorhandenen instrumentalen Zwischenspiele, ohne eigens hinzukomponierte Musik; es werden lediglich die Singstimmen durch Instrumente ersetzt. Dieses Rezept ist nicht neu; schon Stokowski hat Ähnliches gemeistert, und aus neuerer Zeit gibt es etwa Lorin Maazels "Ring des Nibelungen" ohne Worte.
Wer also eine instrumentale Kurzfassung der "Lady Macbeth" wünscht - bitte sehr, hier ist sie. Ich kann mich mit derartigen Zweitverwertungen von fremder Hand nicht so recht anfreunden; vieles von dem, was auf der Bühne unmittelbar anspricht, verfehlt seine Wirkung in rein orchestraler Gestalt. Trotzdem ist diese Suite kompetent und geschmackvoll gearbeitet und, wie gesagt: Der Notentext ist reiner Schostakowitsch.

Thomas Schulz, 24.01.2002



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