Es ist vollbracht. Knapp 20 Jahre lang stand einer der faszinierendsten sinfonischen Nachlässe der Musikgeschichte auf dem Notenpult von Mariss Jansons: Dmitri Schostakowitschs 15 Sinfonien, in die sich im Laufe der sechs Jahrzehnte von 1926 bis 1971 ein Künstlerdasein und -schicksal in Zeiten politischer Umbrüche eingebrannte. Schostakowitschs Kniefälle und Reue, Konformismus und Resignation, jugendlicher Drive und tonnenschwere Reflektionen über den Tod, besonders im hohen Alter, bildeten hierbei die Folien, die er jubelnd und grotesk, neoklassizistisch und zwölftönig bearbeitete. Als der Lette Jansons 1988 nun die Gesamteinspielung aller Sinfonien mit der "Leningrader" Nr. 7 eröffnete, löste Schostakowitschs doch stets prägnanter Tonfall und sein alle Intensitätsskalen durchlaufendes Herz-Rhythmus-System auf Anhieb ein Erweckungserlebnis aus, trotz der Einspielungen von solchen Schostakowitsch-Haudegen wie Kyrill Kondraschin. Die Art und Weise, wie Jansons schon damals all das Pathos und das Propagandistische zerrieb und stattdessen bis in kammermusikalisch aufgebrochene Strukturen vordrang, ohne das perfekt funktionierende Orchestergetriebe abzuwürgen, war ein erstes Ausrufezeichen, auf das seitdem eben regelmäßig neue folgten. Jansons konnte sich dabei den Luxus leisten, mit gleich acht Spitzenorchestern zusammenzuarbeiten. Womit allein der Spannungsgehalt bei jeder neuen Konfrontation mit Schostakowitsch gewahrt blieb.
Für den finalen Baustein der Gesamtaufnahme hat Jansons jetzt erneut auf das Sinfonieorchester des BR zurückgegriffen, dem er seit 2003 vorsteht. Und mit den Sinfonien Nr. 3 op. 20 "Zum 1. Mai" sowie Nr. 14 op. 135 steckt Jansons noch einmal exemplarisch den musikbiografischen Bogen vom scheinbar emphatischen Sozialisten Schostakowitsch bis zum riesigen Lamento aus dem Jahr 1969 ab. Was Jansons mit dem glänzend artikulierenden Orchester zunächst in der Nr. 3 an flirrenden Einzelfarben, vergifteter Festtagslaune und irrwitzigem Elan herausholt, um bei der Nr. 14 das Beklemmende virtuos und phantasmagorisch auf die Spitze zu treiben, ist so auf den Punkt musiziert, dass man Schostakowitsch nur einen Vorwurf machen könnte: dass er keine 16. und 17. Sinfonie komponiert hat.

Guido Fischer, 22.09.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top