Wie fanden die schöne Helena und ihr Mann Menelaus wieder zusammen, nachdem Helena mit Paris durchgebrannt war und dadurch den zehnjährigen Krieg um Troja mit unzähligen Toten provoziert hatte? Diese Frage legten Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss ihrer 1928 uraufgeführten "Ägyptischen Helena" zu Grunde, dabei das in Strauss’ Opern omnipräsente Mann-Frau-Thema in einer neuen Variation behandelnd. Strauss genoss die Arbeit auf der Grundlage eines komplexen, wenn nicht gar etwas krausen Textbuches und schöpfte einmal mehr aus dem Vollen seiner stupenden melodischen und klangfarblichen Imaginationskraft.
Leon Botstein hat sich für seine mitgeschnittene Live-Produktion der “Helena”, die im Oktober 2002 in der New Yorker Avery Fisher Hall über die Bühne ging, intensiv in die Hintergründe des Opernstoffs vertieft: Sein fundierter Einführungstext im Beiheft belegt dies. Mit ähnlicher Gründlichkeit hat er sich der Partitur gewidmet, wodurch eine klanglich opulente, differenziert durchgestaltete und sehr inspirierte Aufnahme zustande kam. Die Sänger, über die er verfügen konnte, zeigten sich stimmlich ihrer Aufgabe durchaus gewachsen: Deborah Voigt meistert die Kräfte zehrende Partie der Helena mit Bravour, Carl Tanner als Menelaus hat zumindest großartige Momente. Bezaubernd ist Celena Shafer in der Rolle der Zauberin Aithra. Bei aller Brillanz vermisst man allerdings bisweilen die Präsenz des Textes (besonders Tanner agiert nicht sehr idiomatisch) und insgesamt jenen Charme, der andernorts sehr wohl auch in einer so mörderischen Partitur aufscheint: Man ziehe die Münchner Live-Aufnahme von 1956 unter Leitung von Joseph Keilberth (Orfeo) zum Vergleich heran, wo u. a. Leonie Rysanek, Bernd Aldenhoff und der fantastische Hermann Uhde das Werk in ein Licht zu tauchen verstehen, das eine Aufführungstradition erahnen lässt, die tatsächlich auf Strauss zurückgeht.

Michael Wersin, 06.12.2003



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