Prima la musica, dopo le parole - oder ist es doch umgekehrt? Diesen uralten Streit, der im Prinzip schon den heiligen Augustinus beschäftigte, personifizierten Richard Strauss und sein Librettist Clemens Krauss mit Hilfe von Flamand, dem Musiker, und Olivier, dem Dichter; beide buhlen, nicht ohne Sympathie füreinander, mit all ihrer Kunstfertigkeit um die Liebe der schönen Gräfin Madeleine. Der 78-jährige Strauss versprühte in diesem heiter-rasanten Konversationsstück noch einmal all seinen musikalischen Esprit, und dies tun auch David Kuebler, Simon Keenlyside und Kiri Te Kanawa, die die drei genannten Figuren in dieser Inszenierung der San Francisco Opera aus dem Jahre 1993 verkörpern. Keenlyside, damals gerade 33, meistert die anspruchsvolle Partie mit überragender stimmlicher und darstellerischer Bravour, sein Kontrahent Kuebler steht ihm dabei in nichts nach. Kiri Te Kanawa, damals knapp fünfzig, demonstriert, wie frisch eine Sopranstimme bei solider Technik und guter Pflege auch nach über 20 Jahren intensiver Karriere noch klingen kann.
Das freundschaftliche Werben der beiden allegorischen Männer um die Gräfin erhält weiteren Zündstoff durch den älteren Theaterdirektor La Roche, den Victor Braun äußerst profiliert und mit genau der richtigen Mischung aus Humor und Verbissenheit auf die Bühne bringt. Und Oliviers Verse werden vollendet vorgetragen von der Schauspielerin Clairon und ihrem in diesem Fach dilettierenden Partner, dem Grafen. Als Clairon ist die einstmals großartige, hier immer noch erstaunlich in Form befindliche Tatiana Troyanos zu hören und zu sehen, die nur wenige Wochen nach dieser Aufführung an Krebs verstarb. Håkan Hagegård schließlich ist den Kollegen mit seinem unwiderstehlichen komödiantischen Charme und seiner wohltimbrierten, tadellos geführten Baritonstimme vollkommen ebenbürtig. Das Geschehen entfaltet sich in einer ungetrübt rückwärtsgewandten Kostümfilm-Kulisse von Mauro Pagano, zu der Thuerry Bosquet die passenden prachtvollen Gewänder lieferte. Die Personenführung von Stephen Lawless kann nur als exzellent bezeichnet werden; sie wurde von der Aufnahme-Regie so gut wie möglich auch für die Filmversion erlebbar gemacht. Eine rundum gelungene, überaus unterhaltsame Produktion mit fantastischen Sängern, die nicht nur mit überzeugender stimmlicher Präsenz, sondern auch mit brillanter Diktion - keiner von ihnen spricht Deutsch als Muttersprache! - zu begeistern verstehen.

Michael Wersin, 06.03.2004



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