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Live In Tokyo

Brad Mehldau

Nonesuch/Warner 07559 79853-2
(70 Min., 2/2003) 1 CD

Spätestens seit Keith Jarretts kräftezehrenden Ego-Trips in den 70er Jahren gilt das Solo-Piano im Jazz gewissermaßen als priesterliche Übung. Es hält sich die Überzeugung: Nur besonders Berufene dürfen das. Schon 1999 wagte der damals 29-jährige Brad Mehldau das Sakrileg und schloss sich alleine mit einem Flügel ins Studio ein. Die Aufnahme "Elegiac Cycle" fand Gefallen bei den Kunstrichtern, die das Unjazzige und die beethovensche Wucht lobten. Nun hat Mehldau erneut eine Solo-Piano-Platte herausgebracht, diesmal gar unter verschärften Bedingungen. Denn live zeigt sich erst, wer der wahre Meister ist.
"Brad Mehldau - Live in Tokyo" bedeutet: Man kommt 70 Minuten lang nicht aus dem Staunen heraus. Es ist überhaupt schon eine Leistung, Pop-Stücke der jüngeren Vergangenheit so nahtlos alten Jazzstandards gegenüberzustellen, dass man die Zeit- und Stil-Unterschiede gar nicht mehr erkennt. Noch bemerkenswerter ist der Umstand, dass sich hier jemand gänzlich uneitel in den Dienst der Songs stellt, die Themen atmen lässt, die Strukturen respektiert - und doch zu musikalischen Schlussfolgerungen kommt, die vollkommen eigen sind. 20 Minuten lang macht sich Mehldau etwa über die Indie-Rock-Hymne "Paranoid Android" der Feuilleton-Lieblinge Radiohead her, mit einer derartigen Intensität, einem derartigen dynamischen und harmonischem Gestaltungswillen, dass einem die Spucke wegbleibt. Das "Köln Concert" war gestern. "Live in Tokyo" ist heute.

Josef Engels, 09.10.2004



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