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Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johannes Brahms

Klaviersonaten Nr. 11 u. 12, Klaviersonate D 537, Vier Balladen op. 10

Arturo Benedetti Michelangeli

TDK/Naxos DV-MPSR
(102 Min., 4/1981) 1 DVD, DVD 9, PAL, 4:3

Unzählige Michelangeli-Verehrer sind weit gereist und haben mit teuren Karten in der Tasche vor verschlossenen Saaltüren gestanden, denn der Meister war ebenso skrupulös wie publikumsscheu und daher entsprechend selten tatsächlich auf dem Podium zu erleben. Spielte er wirklich einmal - dokumentiert ist auf dieser DVD ein Abend in Lugano im April 1981, wo er noch dazu die Kameras erstaunlich nahe an sich heranließ -, dann konnte ein solches Konzerterlebnis wahrhaft erleuchtend sein: Als unglaublich perfekt erweist sich bei naher Betrachtung, wie sie diese DVD atemberaubenderweise ermöglicht, Michelangelis Spieltechnik, unglaublich ökonomisch und organisch funktionieren seine Bewegungsabläufe. Die halsbrecherischen Oktavenbrechungen im Allegro-Finale von Beethovens Klaviersonate Nr. 12 werden dem Betrachter zum Hochgenuss visualisierter Motorik, das in simultan anzuschlagenden Oktaven gesetzte Thema am Beginn des Mittelsatzes von Schuberts Sonate in a-Moll D 537 fasziniert durch jeweils schlichtweg vollkommene Gewichtung des oberen und unteren Tons innerhalb des melodischen Flusses der Phrasen. Eine Passage wie die letztgenannte markiert aufschlussreich den Schnittpunkt zwischen spieltechnischer Untadeligkeit und interpretatorischem Ausdruckswillen: Beide Parameter begegnen sich auf der Ebene des ästhetisch Schönen, das bei Michelangeli vom rein körperlichen Vollzug des Anschlagens bis hin zum Klangereignis reicht. Vielen, die ihn zu Lebzeiten kritisierten, war das zu wenig: Sie vermissten die Verbindlichkeit des Interpreten gegenüber dem Publikum, das emotionale Band zwischen Künstler und Zuhörer, das viele Musiker zu einer Grundbedingung ihres vermittelnden Tuns machen, indem sie es auch in die Art ihrer Darbietung des jeweiligen Werkes mit einbeziehen. Hierfür spielt nicht zuletzt der Habitus des Künstlers auf dem Podium eine wichtige Rolle - und der ist bei Michelangeli wahrhaft eremitisch. Nur widerwillig nimmt er Beifallsbekundungen entgegen und quittiert sie mit einem Zucken des Gesichts, das man als snobistisch oder gar verächtlich deuten könnte. "Was wisst ihr schon von mir und meinem Innenleben", scheint seine Haltung aussagen zu wollen, wenn er sich geduckt vom Klavierstuhl erhebt und das Weite sucht, als sei es für ihn unerträglich, dass die Musik soeben zu Ende gegangen ist. Bekanntermaßen verbarg sich große Schüchternheit und Unsicherheit hinter seinen Marotten, und er sah sich selbst in seinem Streben nach dem, was er als vollkommene Wiedergabe erachtete, von Unvermögen gepeinigt. Wäre sein Streben bloß von Eitelkeit geprägt gewesen, hätte er sich vermutlich gern zufrieden gegeben mit dem Überragenden, das er zu leisten vermochte. Die genaue Beobachtung seines Spiels, welche diese DVD ermöglicht, bietet vor diesem Hintergrund ein differenziertes, komplexes Bild von Michelangelis Können.

Michael Wersin, 15.05.2004



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