In die Ouvertüre ist das versöhnliche Ende schon überdeutlich eingepflanzt. Denn bereits der unbekümmert komponierten Helligkeit und der rasanten Leichtigkeit fehlt jegliche Andeutung auf die finale Katastrophe, in die Sophokles seine "Antigone" getrieben hat. Womit der Süditaliener Tommaso Traetta (1727-1779) in seinem Alterswerk bewies, dass er sich trotz der Verehrung für den prominenten Kollegen Gluck nicht in dessen Schatten bewegte.
Denn die 1772 am zaristischen Hof uraufgeführte "Tragedia per musica in tre atti" ist eher aus dem pflegeleichteren Holz einer italienischen Opera seria geschnitzt als aus dem klassizistischen Reform-Geist. An psychologierendem Konfliktpotenzial und dramatischen Reibungen, mit denen Gluck in seinen Antik-Opern neue Maßstäbe setzen sollte, ist Traetta daher wenig interessiert. Bei ihm steht nie außer Frage, dass Kreon einfach Milde walten und Antigone leben lassen muss.
Dennoch ist die Wiederentdeckung weder ein naives Freiheitspamphlet noch liefert sie harmlose Melodien. Allein die Chor-Sätze sind ihrer, von dissonanten Splittern durchsetzten Strahlkraft wirkungsvolle Höhepunkte in der Aufnahme von Christophe Rousset, der zeigt, dass vermeintlich Zweitklassiges mit entsprechender Zugkraft und Wachheit rehabilitierbar ist. Wofür auch die Solisten alles in die Waage werfen, ohne Eleganz mit Rokoko und Brillanz mit substanzlosem Schausingen zu verwechseln.
Besonders Maria Bayo in der Titelpartie liefert in ihrer Arie "Finito è il mio tormento" erstklassige Koloraturvirtuosität, gepaart mit Verve und Klangschönheit, was eine Cecilia Bartoli auch nicht besser machen könnte. Traettas "Antigona" bietet an solchen Arien-Filets reichlich. Was sie deshalb aber noch längst nicht zur Nummernoper macht.

Guido Fischer, 05.07.2001



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