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Franz Schmidt, Ludwig van Beethoven

Konzerte

Ragna Schirmer, Hamburger Symphoniker, Andrey Boreyko

Berlin Classics/Edel 0017722BC
(75 Min., 5/2004) 1 CD

Eine eigenwillige Repertoire-Politik war bisher wesentlicher Bestandteil des Erfolgsrezeptes der 1972 geborenen Pianisten Ragna Schirmer: Ihre Goldbergvariationen waren immerhin so brillant, dass diese Debüt-Parallele zu Glenn Gould nichts Peinliches hatte. Es folgten Schnittke-Sonaten (sic!) und Klaviermusik von Haydn sowie eine Koppelung von Chopins Etüden op. 10 mit Coriglianos "Etude Fantasy" - spätestens an diesem Punkt überzeugte Schirmer das Gros der Kritiker vollkommen von ihren technischen und interpretatorischen Fertigkeiten, denn Chopins halsbrecherische Virtuosen-Folter gelang ihr nicht etwa nur beachtlich, sondern geradezu fulminant.
Angesichts dieses extravaganten Starts durfte auch für die nächste CD der Hildesheimerin wieder Außergewöhnliches erwartet werden - und richtig: Mit den "Concertanten Variationen über ein Thema von Beethoven für Klavier und Orchester" des Österreichers Franz Schmidt greift sie ein Werk auf, das bisher nur ausgesprochen selten eingespielt wurde, aber durchaus Beachtung verdient. Schmidts Variationen liegt das Scherzo aus Beethovens "Frühlingssonate" für Klavier und Violine zu Grunde; er verarbeitet die Vorlage nach allen Regeln der Kunst, dabei nicht nur melodische, sondern auch strukturelle Elemente kreativ in den Blick nehmend; spätromantische Schauer à la "Buch mit sieben Siegeln" in Schmidts ganz eigenem harmonischen Idiom begegnen impressionistischen Anklängen, und althergebrachte Formen wie Fuge und Choral kontrastieren etwa mit einem Abschnitt im "Tempo di Bolero". Schmidt, der selbst ein begnadeter Pianist der musikantisch-improvisationsbegabten Spezies war, spart im Solopart nicht mit spieltechnischen Herausforderungen und vielfältigem Farbenspiel zwischen vergleichsweise zahmem "klassischem" Passagenwerk und ausladendem postromantischen Virtuosen-Gestus. Ragna Schirmer wählte für ihre Einspielung nicht das einhändige Original, das Schmidt für den kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein komponierte, sondern griff zu Friedrich Wührers Version für zehn Finger. Der Solopart korrespondiert in Schirmers Interpretation überzeugend mit der orchestralen Ebene, ja verschmilzt zeitweise geradezu mit ihr. Diese Art des intensiven Dialogs stellt die Pianisten über jeglichen selbstverliebten Alleingang, womit sie sich hier und da um Möglichkeiten vordergründigen Eindruck-Schindens beschneidet - sehr zum Wohl des Stücks, dessen Wirkung dadurch nicht in einer einmaligen Explosion verpufft: Gerne hört man es wieder und wieder, um noch mehr strukturelle Details zu erfassen und den Variationsprozess noch genauer zu verfolgen.
Als deutlich weniger aufregend erweist sich für den Rezensenten persönlich die Klavier-Bearbeitung von Beethovens Violinkonzert, die Ragna Schirmer dem Schmidt'schen Opus gegenüberstellt: Zwar geht die Klavierversion auf Beethoven selbst zurück, aber die problematische Quellenlage vor dem Hintergrund qualitativer Fragwürdigkeiten legt zumindest streckenweise den Rückgriff auf die Bearbeitung von Wilhelm Mohr nahe; dies tut Ragna Schirmer und erlaubt sich darüber hinaus auch eigene Eingriffe, was sicher legitim ist, aber das Endergebnis dennoch nicht reizvoller macht.

Michael Wersin, 13.11.2004



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