Responsive image
Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1, Haydn-Variationen

Cédric Tiberghien, BBC Symphony Orchestra, Jiří Bělohlávek

harmonia mundi HMC 901977
(69 Min., 3/2007) 1 CD

Für romantisch veranlagte junge Pianisten ist Brahms’ d-Moll-Konzert das ideale Betätigungsfeld. Im ersten Satz gibt es mächtig Gelegenheit, sich auszutoben, im zweiten darf das Herz überquellen und mit einem gesunden Spieltrieb kommt man problemlos durch das Finale. Der dreiviertelstündige Brocken, mit dem der 26-jährige Brahms vor 150 Jahren die Grenzen der Gattung sprengte, ist ein Fall, bei dem man mit dem Kopf nicht bloß gegen die Wand rennt, sondern auch durchkommt. Leider aber erstarren die meisten Pianisten vor dem Namen Brahms in Ehrfurcht und haben offenbar automatisch das Bild eines etwas phlegmatischen älteren Herrn mit Zigarre vor Augen. Auch der Franzose Cedric Tiberghien, den die harmonia mundi unter ihre Fittiche genommen hat, spielt Brahms sozusagen mit Vollbart: Die Tempi sind breit, die herausfordernden Angänge des Klaviers im ersten Satz besitzen kein Feuer, das inbrünstige Thema des Adagio religioso köchelt auf Sparflamme und im Rondo sind Schwung und Pfiff Fehlanzeige – man höre dagegen beispielsweise Rudolf Serkin oder Julius Katchen! Natürlich kann Tiberghien, wie alle Wettbewerbssieger, gut Klavier spielen, doch fehlt ihm letztlich die Anschlagskultur, mit der ein Arrau oder Gilels bei vergleichbar bedächtiger Gangart zu faszinieren wussten, und wohl auch das letzte Quäntchen Persönlichkeit – auch die bisherigen Soloaufnahmen Tiberghiens wirken eher gediegen als meinungsfreudig. Ein Brahms von der Stange, den Jiri Behlohlavek und sein BBC-Orchester durch artig gespielte, aber etwas betuliche Haydn-Variationen im gleichen Geiste komplettieren.

Jörg Königsdorf, 04.01.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top