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Frédéric Chopin, Claude Debussy, Joseph Haydn, George Gershwin

Marc-André Hamelin – No Limits

Marc-André Hamelin

EuroArts/Naxos 2055788
(190 Min., 6/2007) 1 DVD

Vor die Leichtigkeit haben die Götter den Schweiß gesetzt. Das gilt selbst für einen Pianisten, der in Konzertsaal und Aufnahmestudio selbst die kniffligsten Kopfnüsse mühelos mit zehn Fingern knackt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Und so erlebt man nun den Kanadier Marc-André Hamelin in seinem privaten Studierzimmer und im rustikalen Holzfällerhemd, wie er sich jede einzelne Note etwa von Haydns Klaviersonate Nr. 31 erarbeitet. Im radikalen Slow-Motion-Tempo und mit einem körperlichen Einsatz, dass es ihm bisweilen schon mal in den Sehnen und Muskeln schmerzt. Diese Methode ist jedoch das Alpha und Omega seines Erfolgsrezepts. Denn nur so kann er alles verinnerlichen, um sein eigentliches Credo in die Tat umzusetzen: "Ich will wissen, wie weit ich gehen kann." Dass Hamelin enorm weit gehen kann, weiß man natürlich längst. Dass dahinter aber eben keine Hexerei oder Zauberei steckt, hat Regisseur Jan Schmidt-Garre jetzt mit seinem äußerst gelungenen Hamelinporträt "No Limits" aufgedeckt. Zwei Monate lang durfte Schmidt-Garre immerhin Hamelin bei der Einstudierung jenes Rezitals über die Schulter schauen, das im Juni 2007 beim Klavierfestival Ruhr anberaumt war. Dieses 90-minütige Konzert, das in der Essener Philharmonie stattfand, steht dementsprechend im Zentrum dieser dreiteiligen DVD. Und mit welcher Hingabe Hamelin allein in Chopins dritter Klaviersonate Klangkultur mit aristokratischer Attitüde verbindet, unterstreicht nicht nur die spieltechnische, sondern gleichermaßen die intellektuelle Reichweite Hamelins.
Überhaupt gehört Hamelin in die kleine Gruppe der Topinterpreten, die abseits des Konzertbetriebs tatsächlich noch etwas zu sagen haben. (In seiner kommunikativen Ader ist er durchaus seinem Landsmann Glenn Gould ähnlich.) Neben einem ausführlichen Interview, das vorrangig den biografischen Weg Hamelins absteckt, lernt man ihn so beispielsweise als eloquenten Gesprächspartner vom Musikwissenschaftler Peter Gülke kennen. Und wie die beiden mit analytischen Waffen und der ständig spürbaren Faszination vom Klangpionier Debussy ihre Köpfe über dem zweiten Buch der "Préludes" zusammenstecken, ist erhellender als jede seminaristische Exegese. Wenn Hamelin dann noch die "dynamische Stange mit Lunte" zündet, in den "Feux d´artifice", versteht man, warum sich aller Übungsschweiß und -schmerz lohnt.

Guido Fischer, 04.01.2008



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