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John Foulds

Dynamic Triptych, April-England, Music-Pictures Group III u.a.

Peter Donohoe, City of Birmingham Symphony Orchestra, Sakari Oramo

Warner 2564 62999-2
(61 Min., 1/2006) 1 CD

Indien und seine reich geschmückte wie hoch komplexe Musiktradition - das hat schon immer klassische Global Player interessiert. Yehudi Menuhin brach sich fast die Finger, als er sich mit dem indischen Sitar-Könner Ravi Shankar anlegte. Und erst jüngst gab das Kronos Quartet einen Einblick in die quietschbunte Bollywood-Soundtrack-Werkstatt. Im Gegensatz zu ihnen war der Engländer John Foulds (1880-1939) aber nicht einfach ein neugieriger Indien-Tourist. Nachdem er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Vierteltönigkeit und Ragas experimentiert hatte, ließ der Komponist und Feldforscher sich endgültig in den 1930er Jahren in Indien nieder - wo er Radio-Chef und Gründer des "Indo-European Orchestras" wurde. Diese Ferne zum abendländischen Musikbetrieb sollte Foulds posthumen Ruhm jedoch schaden, ist sein vielseitiges Schaffen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dabei kann es Foulds nicht nur mit seinen Landsleuten wie Elgar oder Vaughan Williams mehr als nur aufnehmen. Denn wie Dirigent Sakari Oramo auch bei seiner zweiten Foulds-Folge schlagend beweisen kann, sind die Orchesterkompositionen des Mannes aus Manchester raffiniert, klangsprachlich vielseitig und vor allem alles wahre Leckerbissen.
Von einer eingängigen, in seiner Melodik aufblühenden Folk-Ode "Keltic Lamento" bis zu einem, elegant mit Orientalismen parfümierten Nocturne "The Song of Ram Dass" zeigt sich John Foulds vor allem als großartiger Farbenregisseur à la Debussy. Und das Orchesterstück "April - England" ist schwärmerisch und delikat - garniert mit einigen kaleidoskopartigen und kontrapunktischen Kühnheiten, die an Charles Ives erinnern. In dieser spätromantischen bis frühmodernen Bandbreite bekennt sich Foulds eindeutig zu seiner Heimat, die er für ein paar Jahre gegen Paris eintauschen sollte. Dort entstand denn auch das Hauptwerk dieses Foulds-Tributs, das von Oramo und seinem City of Birmingham Symphony Orchestra imposant und mitreißend bis in die Details gestaltet wird. Es ist das verkappte Klavierkonzert "Dynamic Triptych", das perkussiv brillant im Eröffnungssatz ist, im zweiten Satz mit bizarr-visionären Klangskulpturen in den Streichern spielt - während das Finale mit seinem rauschend-virtuosen Schmiss Ravels "La Valse", Richard Strauss und George Gershwin fast in die Tasche steckt. Und alles infiziert Foulds mit damals noch imaginierten Indien-Impressionen, wie man sie nachher nie mehr gehört hat.

Guido Fischer, 09.06.2006



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