Dieses Fräulein Else ist nicht mehr zu bremsen. In ihrer Verzweiflung, in ihren Wunschträumen. Diese 19-jährige Frau hechelt Wortkaskaden hinaus, scheint innerlich zu verbrennen und äußerlich jeden Boden unter den Füßen zu verlieren. Immer wieder nimmt sie einen neuen Anlauf, um vielleicht doch irgendein rettendes Ufer zu erspähen. Bei Arthur Schnitzler wie beim Schweizer Komponisten Beat Furrer entpuppt sich das Ufer jedoch als Klippe, an der sie zerschellen wird. Wer Elsa bis dahin ihren dämonischen Irrungen und Verwirrungen gefolgt ist, der ist schier außer Atem. Angesichts des ungeheuren Drucks, den die Sprecherin Isabelle Menke bei ihrem Monolog ausgeübt hat. Zu den schneidig und unberechenbar gesetzten Tonsplittern und wuchtig sich auftürmenden Bläsern, mit denen Furrer diese dritte Szene seines Hörtheaterstück "Fama" ausgelegt hat. Und selten verwandelt sich die Möglichkeit, sich mitten in einem solch erschütternden Seelenorkan befinden zu dürfen, in ein solches Hörerlebnis.
Denn es geht in diesem 2005 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführten Werk eben nicht um die Revitalisierung der Literaturoper, sondern um das Hören hinter die Kulissen und Fassaden. Furrer legt in diesem Gedankenraum Elsas, in dem sich Ängste und Erschütterndes zusammenbrauen, sein feines Sensorium aus, das bei jedem Nervenzucken und bei jedem Signal sofort ausschlägt. Mal mit schmerzhaften Klangballungen, mal mit sich scheinbar im Klangnebel verlierenden Impulsen. Alle Wahrnehmungsrelationen werden hier auf den Prüfstand gestellt, bei denen kaum mehr zwischen Schein und Sein zu unterscheiden ist. In diesem Psychogramm Elsas, das Furrer mit der Göttin des Gerüchtes "Fama" verknüpft, stecken unter dem Strich somit derart überrumpelnde Energien und eine gleichermaßen klaustrophobische Enge, dass dieses Erschütterungspotential auf Anhieb die Faszination an Furrers Experimentalwelten überwältigt. Was nicht zuletzt auch für das Niveau dieser Weltersteinspielung spricht.

Guido Fischer, 08.12.2006



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