Responsive image
Conlon Nancarrow

Pieces Nr. 1 & 2 For Small Orchestra, Streichquartett Nr. 1, Study Nr. 15 u.a.

Ensemble Continuum

Naxos 8.55 9196
(44 Min., 1989) 1 CD

Noch nicht mal zwei Minuten dauert mit der "Toccata" für Violine und Klavier eines seiner frühesten Werke. Doch schon 1935 versetzte der gerade mal 23-jährige Conlon Nancarrow in dieser Miniatur Noten und Rhythmen in einen Schleudergang, dass leibhaftige Pianisten schnell die Waffen streckten. 45 Jahre später machte Nancarrow dieses neo-barocke Ungetüm endlich spielbar - indem er dem Geiger jenes Player Piano zur Seite stellte, für das Nancarrow seine berühmt-berüchtigten "Studies" komponiert hatte. In endloser Feinarbeit hatte er seit Ende der 1940er Jahre die Rollen des Selbstspielklavier mit Trillern, Tempo-Wechseln und Tontrauben überbevölkert, überschlugen sich ständig die musikalische Ereignisse an dem Klavierautomaten. Nachdem György Ligeti seinen amerikanischen Kollegen in den 80ern Jahren endlich wieder ins öffentliche Bewusstsein schieben konnte, erlangten besonders Nancarrows "Studies" Kultstatus. Auch wenn die erst jetzt veröffentlichten Aufnahmen des amerikanischen Continuum-Ensemble noch aus jenen Tagen der Nancarrow-Renaissance stammen, so springt der phantastische Spielteufelfunke sofort und schlagartig über.
Quer durch das Minenfeld der Player-Studies, aber auch der nicht weniger zahmen Kompositionen für traditionelle Instrumente hat sich das 15-köpfige Kammerorchester aufgemacht, das sich leichtfüßig und reaktionsschnell in alle erdenklichen Formationen verwandeln kann. In das Streichquartett Nr. 1 (1945) streute Nancarrow Rhythmen und Klangaromen aus seiner Wahlheimat Mexiko genauso ein, wie er mitteleuropäisches Formbewusstsein beweist. Und wie er in "Prelude and Blues" (1935) dem Pianisten einen atemlos machenden Ragtime auflastet, so gerät der "Tango?" (1984) zu einer wie ausgewürftelten Persiflage auf den südamerikanischen Modetanz. Höhepunkt ist aber einmal mehr eine "Study" - hier die Nr. 15 in einer Fassung für vier exzellent durchblutete Klavierhände, die in diesem Boogie-Woogie-Verschnitt ohne Netz und doppelten Boden elektrisierend hinlangen.

Guido Fischer, 25.06.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top