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Luis de Narváez

Musica del Delphin

Pablo Márquez

ECM New Series/Universal 476 5878
(46 Min., 4/2006) 1 CD

"Alle, die ihn hörten, glaubten geradezu an ein Wunder, ob sie nun bloße Liebhaber der Musik waren oder zu den Kennern zählten." Von dem spanischen Renaissancedichter Luis Zapata stammt dieser kleine Ohrenzeugenbericht. Und Zapata muss wohl nicht übertrieben haben. Denn selbst der spätere König Philip II. schien so vernarrt in die hohe Kunst des Saitenvirtuosen Luys de Narváez gewesen zu sein, dass er den Mann aus Granada unter seine Fittiche nahm. Noch im Winter 1559 soll Narváez seinen Förderer auf dessen Reisen nach Italien und Deutschland begleitet haben. Danach verliert sich aber genauso seine Spur wie man sein Geburtsjahr nur um 1500 vermuten kann. Zwei Zahlen und Fakten sind jedoch unumstößlich. Luys de Narváez bildete mit Luys Milán und Alonso de Mudarra das Dreigestirn an der Vihuela, diesem an der Laute orientierten Vorläufer der Gitarre. Und 1538 veröffentlichte Narváez mit "Los seys libros del Delphin de musica de cifra para tañer vihuela" den vielleicht bedeutendsten Werkzyklus für die Vihuela. Der argentinische Gitarrist Pablo Márquez hat aus diesen sechs Büchern nun 17 Stücke ausgewählt, die für Narváez’ Gestaltungskraft und Vielseitigkeit stehen. Da begegnet man dem kontrapunktisch gestählten Variationenmeister, der sich Hymnen wie "O gloriosa domina" genauso annahm, wie er als Anhänger der niederländischen Schule Lieder eines Josquin ("Mille Regretz") arrangierte. Und neben den streng ausgearbeiteten acht Fantasien aus dem ersten Buch zeigt Márquez in einem bearbeiteten Chanson des Frankoflamen Jean Richafort, was für eine kunstvolle Vitalität Narváez auf engem Raum auslösen könnte. In gestalterischer Hinsicht ist Márquez ein Gitarrist ohne Fehl und Tadel, kann er die verzweigten Linien kultiviert zusammenbringen und präsent machen. Nur ist bei dieser ausgefeilten Darstellung dieses spanischen Kulturschatzes das Klangfarbenspektrum und damit das ’Innenleben’ der Stücke etwas in den Hintergrund gerückt. Allzu eng hat Márquez die dynamischen Möglichkeiten seines Instrumentes abgesteckt, ist sein Ton zu stäubchenfrei und empfindungsarm. Das Narváez’sche Vokabular bekommt dadurch ein streng akademisches Profil, das die seinerzeit angeschlagenen Bewunderungshymnen leider nicht rechtfertigt.

Guido Fischer, 14.07.2007



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