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Barry Guy

Folio

Maya Homburger, Muriel Cantoreggi, Barry Guy, Münchener Kammerorchester, Christoph Poppen

ECM/Universal 476 3053
(58 Min., 2/2005) 1 CD

Von Hause aus ist Barry Guy einer der schlagkräftigsten und einflussreichsten Kontrabassisten im improvisierten Jazz. Umso erstaunlicher ist es, wie zielsicher er sich regelmäßig in musikalische Parallelwelten aufmacht, in denen es so gar nicht kompromisslos zuging. An die Stelle roher Auswuchtungen treten dann die bittersüßen Seelenporträts eines John Dowland, durchleuchtet er mit der Barockviolinistin Maya Homburger die kontemplative Strenge von Heinrich Ignaz Franz Bibers "Rosenkranz-Sonaten". Doch mit solchen Zeitreisen will sich Guy nicht etwa vom Alltagsgeschäft auskurieren. Der existenzielle Impetus der Klangphysiognomien aus dem 16. und 17. Jahrhundert wird ständig zum Bezugsrahmen für die Erkundung neuer Klangräume. Wie dabei der im Amerikanischen als "Third Stream" bezeichnete Dialog zwischen Klassik und Jazz auf gehörige Abwege gerät, ist wohl kaum erregender zu erleben als in der Komposition "Folio". Das Werk für zwei Violinen, Kontrabass und Streichorchester ist von einem Gambenstück des spanischen Renaissance-Komponisten Diego Ortiz genauso infiziert wie von den Energieströmen des zeitgenössischen Jazz: es kommt zu einer minimalistisch beunruhigender Mobilität, die stets knapp vor dem Kollaps zu stehen scheint.
Grundlage bildete das absurde Monodram "Die Kulissen der Seele" des Russen Nikolai Evreinoff von 1912, in dem das Gefühl, der Verstand und das Unterbewusste miteinander streiten. Diesen Handlungsstrang überträgt Barry Guy auf die Protagonisten der Aufnahme - er selber verkörpert das Rationale und Maya Homburger das Emotionale. Und so entsteht ein musikalisches Konfliktpotential, das von Soli über Duos bis zu orchestralen Ausbrüchen reicht, das berührt und mitreißt, verstört und auch dank der enormen Virtuosität in den Solo-Passagen atemlos macht.

Guido Fischer, 23.12.2005



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