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Nikolai Kapustin

Piano Music

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex CDA67433
(77 Min., 6/2003) 1 CD

Der 1937 geborene ukrainische Pianist Nikolai Kapustin, der schon während seiner klassischen Klavierausbildung in Moskau den Jazz für sich entdeckte, bewegt sich als Komponist auf einem schmalen Grat: Er schreibt Klaviermusik im Jazz-Idiom, die ausgesprochen hohe Anforderungen an die Virtuosität des Ausführenden stellt und in diesem Punkt mit dem einschlägigen klassischen Virtuosenrepertoire vergleichbar ist. Inwieweit man das Ergebnis solchen Grenzgangs tatsächlich als Jazz bezeichnen kann, mögen Jazzer entscheiden: Das fehlende improvisatorische Element schließt selbstverständlich die genuin zum Jazz gehörige Spontaneität aus, und die permanent hochvirtuose Faktur (kein Wunder, dass Oscar Peterson zu Kapustins wichtigsten Vorbildern gehört) konterkariert naturgemäß den episch-erzählerischen Charakter, der im Jazz eine wichtige Rolle spielt. Kapustin treibt es in Sachen Stilgemisch jedoch noch weiter: Er gießt seine aus Jazz-Vokabular geschaffene Musik in klassische Formen wie Sonate, Suite oder Etüde. Sein "Five Études in different Intervals op. 68" erinnern mit ihrer systematischen Behandlung verschiedener Intervalle und den daraus resultierenden spieltechnischen Besonderheiten an die Etüden Chopins oder Godowskys; in seiner "Suite in Old Style op. 28" werden barocke Tanzsätze wie Gavotte, Bourrée oder Gigue mit neuen Inhalten gefüllt. Im Rahmen der Jazz-Stilistik überschreitet Kapustin außerdem Grenzen, indem er nicht die üblichen Tunes zu Grunde legt, sondern durchweg eigenes musikalisches Material verwendet; gerne lässt er dabei auch das amerikanische Musiktheater (Bernstein, Sondheim) oder die Wurzeln des eigentlichen Jazz (Confrey, Morton) anklingen. All dies mag Kapustins Musik für einen eingefleischten Jazzer vielleicht zum Graus oder wenigstens zum beargwöhnten Kuriosum machen. Den klassischen Hörer jedoch erfreut das fetzige Feuerwerk musikalischer Ideen und klaviertechnischen Perversionen jedoch ungemein.
Zu den wenigen Pianisten, die sich mit diesem anspruchsvollen Repertoire schon länger engagiert auseinandersetzen, gehört der Kanadier Marc-André Hamelin. Kapustins Musik passt hervorragend in sein künstlerisches Konzept, virtuose Randbereiche des Klavierschaffens zu erkunden und auf höchstem Niveau ans Tageslicht zu holen. Seinen gewöhnlich süffig-warmen Klavierton fährt er dabei deutlich zurück, um dem glasharten, aus differenziertester Artikulation geborenen Klangideal des Jazz entgegenzukommen. Dies gelingt ihm selbstverständlich nur bedingt (welcher klassische Pianist außer André Previn kann das überhaupt?); allerdings rechnet der artifizielle Jazz Kapustins wohl mit einem klassischen Pianisten, und so ist anzunehmen, dass Hamelins für das klassische Publikum ohnehin faszinierende Interpretation auch ganz im Sinne des Erfinders ist.

Michael Wersin, 31.07.2004



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