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Erich Wolfgang Korngold

Die tote Stadt

Angela Denoke, Torsten Kerl u.a., Philharmonisches Orchester Straßburg, Jan Latham-König

Arthaus/Naxos 100 342
(145 Min., 2001) Dolby digital, DTS, PCM-Stereo, PAL 16:9

Aus Erich Wolfgang Korngolds Gruseloper "Die Tote Stadt" ist nur die Arie "Glück, das mir verblieb" nicht der Vergessenheit anheim gefallen - und das dank der herzzerreißend schönen Aufnahme durch den allzu früh verstorbenen Joseph Schmidt, dem auf der Flucht vor den Nazis keinerlei Glück verblieb.
Interessant ist es daher, einmal die ganze Oper zur Kenntnis zu nehmen, zu der die wundervolle Arie gehört. Die engagierte, durchdachte und fesselnde, wenn auch zum Teil etwas frei assoziierende Inszenierung der "Toten Stadt" an der Straßburger Oper ist außerdem ein begrüßenswerter Beitrag zur späten Würdigung eines einstmals äußerst erfolgreichen Werks, das gemeinsam mit seinem 1934 nach Amerika emigrierten Komponisten in der Nazizeit keine Chance mehr hatte. Korngold wurde in den USA ein erfolgreicher Filmusik-Komponist; seine Befähigung dazu lässt besonders der Orchestersatz der "Toten Stadt" schon mehr als vorausahnen.
Das von Korngold selbst verfasste Libretto basiert auf einer Novelle mit dem Titel "Bruges-la-morte" von Georges Rodenbach: Die "tote Stadt" Brügge dient hier als Hintergrund für die Geschichte von Paul, der seit dem frühen Tod seiner Frau Marie mit seiner Haushälterin Brigitta nur noch in der Erinnerung lebt und einen makabren Totenkult pflegt. Eines Tages taucht mit einer fahrenden Operntruppe die Tänzerin Marietta in der Stadt auf. Sie ist der toten Marie zum Verwechseln ähnlich; als Paul sie kennen lernt und augenblicklich von ihr hingerissen ist, gerät er auf Grund des Treueversprechens, das er gegenüber der Verstorbenen geleistet hat, in einen schweren Konflikt, den er dadurch zu lösen gedenkt, dass er Marietta einfach mit Marie gleichsetzt.
So glücklich die Begegnung mit der vergessenen Oper prinzipiell auch macht: Hinsichtlich der Sängerbesetzung ist leider nicht nur Erfreuliches zu berichten. Von den Hauptrollen ist nur diejenige des Paul fantastisch besetzt: Mit seiner kraftvollen, schlank geführten Tenorstimme und seiner mimischen und gestischen Begabung hat Torsten Kerl die nötigen Mittel, die stimmlich und darstellerisch äußerst fordernde Partie bravourös zu bewältigen. Angela Denoke als Marietta hingegen liefert blasse, oft unstete Töne; sie ist nicht mehr in der Lage, enge Vokale in den Fokus zu nehmen, wodurch ihr Stimmklang fahl und eindimensional wird. Ihre gesangstechnischen Mühen schlagen nicht selten auch auf die schauspielerische Ebene durch.
Brigitta Svenden (Brigitta) und Yuri Batukov (Frank) bringen es auf Grund ähnlicher Probleme leider auch nicht zu einer wirklich differenzierten Charakterisierung der Personen, die sie verkörpern. Erfreulich frische Stimmen finden sich allerdings in kleineren Partien: Von Barbara Baier, Stephan Genz und Christian Baumgärtel hätte man gern mehr gehört.

Michael Wersin, 31.10.2002



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