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Henry Purcell, Thomas Morley, John Dowland, Giulio Caccini, François Couperin u.a.

Alfred Deller - Portrait Of A Legend

Alfred Deller, div. Musiker und Ensembles

harmonia mundi HMX 290261.64
(41 Min., 1967 - 1979) 4 CDs

Zum 25. Todestag von Alfred Deller veröffentlicht Harmonia mundi, das Label, dem er von 1968 bis zu seinem Tod treu blieb, eine Auswahl von Aufnahmen dieser überaus bedeutenden Sängerpersönlichkeit. Was wäre die historisierende Aufführungspraxis ohne Countertenöre? Alfred Deller leistete als Interpret wie als Pädagoge Außerordentliches für dieses Stimmfach, dass erst in den Tagen eines Scholl oder Cencic auch außerhalb eingeschworener Alter-Musik-Kreise endlich nicht mehr belächelt wird. Aber was es bedeutete, sich im Jahre 1943 öffentlich als Männeralt zu präsentieren, kann wohl heute kaum noch nachvollzogen werden.
Deller hinterließ einen reichen Schatz an Aufnahmen vom Folksong über das barocke englische Sololied und den Ensemblegesang bis hin zur Opernliteratur. Die Unmittelbarkeit und Intimität seiner solistischen Dowland-, Purcell- oder Morley-Interpretationen ("Flow, my tears", "If music be the food of love", "O Mistress mine" sind nur einige der hier enthaltenen Titel aus diesem Genre) beeindruckt uneingeschränkt auch den heutigen Hörer, wenngleich man mittlerweile höhere Anforderungen an die Intonationsreinheit und Flexibilität einer Countertenor-Stimme zu stellen gewohnt ist. Auch als Interpret englischer Folksongs ist Deller ganz in seinem Element: Irisierende Klangschönheit und textnaher Ausdruckswillen bedingen die hohe Suggestivkraft dieser Aufnahmen. Unprätentiös nähert sich Deller mit seinem (leider nur sehr knapp repräsentierten) Deller Consort auch der geistlichen Musik: Die Einspielung von Thomas Tallis’ Vertonung des Hymnus "Te lucis ante terminum", der in alternierender Praxis gregorianisch beginnt und sich dann mehrstimmig entfalt, ist von zeitloser Schönheit. In Couperins "Deuxieme Leçon de Ténèbres" und in Buxtehude Buxtehudes "Cantate jubilate Domino" hingegen wird eine gewisse Festigkeit der hohen Lage erkennbar, die das freie Strömen des Klangs und die Entfaltung des Timbres beeinträchtigt. Zur Einordnung solcher Beobachtungen vermisst der Hörer dieser CDs übrigens die genauen Daten der einzelnen Aufnahmen, die im sonst mit allen gesungenen Texten sowie mit Erinnerungen von Weggefährten gut und geschmackvoll ausgestatteten Beiheft unbegreiflicherweise fehlen. Ein grober Anhaltspunkt ist das Jahr 1968: Wenn Deller erst zu diesem Zeitpunkt seine Aufnahmetätigkeit für Harmonia mundi begann, dann war er bei keiner der hier versammelten Einspielungen jünger als 56 Jahre. Vor diesem Hintergrund verdienen diese sängerischen Leistungen allerhöchsten Respekt.

Michael Wersin, 17.07.2004



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