Wie gut, dass er stets dem Blitzlichtgewitter aus dem Wege ging, in dem sich doch die Pult-Hautevolee so gerne sonnte. Damit konnte sich Carlo Maria Giulini seinen Scharfblick bewahren, mit dem er Details herausarbeitete und sinfonische Entwicklungen sorgfältig aufspürte. Alles blieb bei Giulini jedoch frei von Effekten, nichts verkümmerte bei ihm im laborhaft Analytischen. Im Gegenteil. Er ist vor allem ein Klanginnenarchitekt geblieben. Einer, der für seine musikalische Episierung Mut zu manch überlangen Tempi bewies, ohne in zeremonielles Pathos zu verfallen. Formale Strenge in aller Beethoven'schen Wildheit (Sinfonie Nr. 7), höchstes Bewusstsein für die sinfonischen Farben- und Fieberkurven von Berlioz' Orchestermusik zu "Romeo und Julia" op. 17, straffe Organisation ungeschönter Temperamentausbrüche und von erdrückenden Herbheiten (Brahms' 4. Sinfonie) - das sind nur einige diskographische Markierungen, für die Giulini ab 1969 während seiner Zusammenarbeit mit dem Chicago Symphony Orchestra sorgte.
Dass diese drei Visitenkarten Giulinis sich auf einer 4 CD-Box wieder finden und sich den Platz mit Mahlers 1. und Bruckners 9. Sinfonie sowie mit Strawinskis Ballettsuiten "Der Feuervogel" und "Pétrouchka" teilen, hat einen einfachen Grund: der italienische Maestro feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. Selbstverständlich ließe sich durchaus nörgeln, dass anlässlich dieses Jubiläums sich eine Kooperation zwischen der EMI und der Deutschen Grammophon angeboten hätte, um dem Titel "The Chicago Recordings" vollends gerecht zu werden. Immerhin liegt beim Gelblabel eine der geschlossensten Aufnahmen von Schuberts C-Dur-Sinfonie überhaupt vor. Dafür aber begegnet man nun einmal mehr der längst den Bruckner'schen Interpretationskanon anführenden 9. Sinfonie - als ein unerbittliches Großraumsignal, dessen expressionistische Ausdrucksintensität bei Giulini ganz auf Mahler und seine 1. Sinfonie zusteuert.

Guido Fischer, 02.10.2004



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