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Pierre Cochereau, Johann Sebastian Bach, Charles-Marie Widor, Louis Vierne, César Franck, Olivier Messiaen u.a.

L’art de Pierre Cochereau

Pierre Cochereau

Philips/Universal 476 236 3
(457 Min., 1962 - 1973)

Pierre Cochereau, bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1984 Titular-Organist an Notre Dame de Paris, war eines der großen, womöglich das größte Orgelimprovisations-Genie des 20. Jahrhunderts: Was er aus dem Stehgreif zu erfinden und nach allen Regeln der Kunst durchzuführen wusste, spottet jeglicher Beschreibung; man muss es gehört, ja am besten noch live erlebt haben. Cochereau improvisierte am liebsten in seiner prägnanten durch und durch tonalen, aber harmonisch stark angereicherten Tonsprache, die sich mit den klanglichen Mitteln der französischen symphonischen Orgeln aufs Vollkommenste verband. Sein Stil zeichnet sich aus durch faszinierende Virtuosität und eine kaum gezügelte, oft etwas düstere Wildheit - nicht umsonst trug er den Spitznamen "Jongleur (Glöckner) de Notre Dame".
Philips würdigt Cochereaus Können mit der vorliegenden Box auf durchaus üppige Weise - wenn auch die enthaltenen Aufnahmen bereits auf Einzel-CDs erhältlich waren. Der größte Wermutstropfen ist jedoch, dass Philips nur vergleichsweise wenige Improvisationen Cochereaus aufgenommen hat (der weitaus größte Teil befindet sich im Besitz von Cochereaus einstigem Mitarbeiter François Carbou, der das Material unter seinem eigenen Label Solstice anbietet); daher enthalten nur zwei der sechs CDs dieser Box improvisierte Musik. Es handelt sich dabei u. a. um eine komplette viersätzige "Symphonie", Improvisationen über Vesper-Versetten, einen "Boléro", Variationen über "Frère Jacques" und über "Alouette, gentille alouette". Ergänzt wird dieses absolut hörenswerte Kernstück des Programms durch Orgelliteratur-Einspielungen von Frescobaldi und Bach bis hin zu Widor und Messiaen. Auch auf diesem Gebiet präsentiert sich Cochereau selbstverständlich auf hohem Niveau, wenngleich er hier nicht so Außergewöhnliches zu leisten vermochte wie beim Improvisieren; hinzu kommt, das seine Interpretationen barocker Musik, entstanden in den 60er und 70er Jahren, vor dem Hintergrund der heutigen historisierenden Sichtweise antiquiert erscheinen müssen: Besonders die frühbarocke Musik vermochte Cochereau nicht wirklich zum Leben zu erwecken. Bleiben also neben den überaus packenden Improvisationen einige "Schlager" der sinfonischen französischen Orgelmusik - darunter Boёllmanns "Suite gothique", Auszüge aus Messiaens "La Nativité du Seigneur" sowie einiges von Franck, Vierne und Widor - die diese Box vor allem für den noch nicht so reich ausgestatteten Orgel-Neuling empfehlenswert machen.

Michael Wersin, 04.02.2005



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