Seriöse Musikerkollegen vom Rang eines Joachim Held würden es sich zweimal überlegen, sich mit der Yellow Press an einen Tisch zu setzen. Der Lautenstar aus Hamburg war aber wohl selbst von seinen Wurzeln so überrascht, dass er medienzirkusträchtig zugab: Ja, ich habe blaues Blut! Auch wenn er bis vor Kurzem von seiner Verwandtschaft mit Eduard Prinz von Anhalt noch nichts wusste, so bekommt Helds künstlerischer Weg immerhin, historisch gesehen, eine besondere Wendung. Schließlich standen gerade Lautenisten schon immer im regen Kontakt mit den europäischen Adelshäusern, verdankte sich das Aufblühen der Laute des 16. und 17. Jahrhunderts den kunstbeflissenen Herzögen von England bis runter nach Italien. Auch die vier Komponisten, die Held für sein Recital mit italienischer Lautenmusik des Barock ausgewählt hat, standen an den Höfen in Lohn und Brot, Bellerofonte Castaldi (1580-1649) stammte gar aus einem alten Adelsgeschlecht. Solche die Phantasie anregenden Parallelen zu Held sollten aber auf keinen Fall den genauen Blick auf das trüben, was hier an höchster Lautenkunst geboten wird. Die aus den Lautenbüchern von Alessandro Piccinini, Michelagnolo Galilei, Giovanni Girolamo Kapsberger und eben Castaldi stammenden Toccaten und Tanzsätze sind in ihrer Verschränkung der harmonischen und rhythmischen Rhetorik mit den irdischen Seelentemperaturen einfach ideal, um das "Handwerk" Helds zu bewundern. Noch mehr als sein Lehrer Hopkinson Smith besitzt sein Anschlag eine ungemeine klangliche Variabilität. Und die Ornamentik kann Held an dem Jacobseninstrument von 1994 wie aus einem Guss in den musikalischen Verlauf einbinden. Zwischendurch wechselt er dann wie bei Kapsberger an die gerade für das Generalbassspiel bedeutende Chitarrone, um mit Carsten Lohff (Orgelpositiv) mit entwaffnender Leichtigkeit und volltönigem Reichtum eine "Bergamasca" zu umgarnen. Allein dafür hätte man damals Joachim Held als Dank ein Schlösschen gebaut.

Guido Fischer, 27.08.2007



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