Eine CD mit volkstümlichen Liedern aus der Heimat haben uns in jüngerer Vergangenheit nicht wenige bekannte Sänger präsentiert: Agnes Baltsa, Kiri te Kanawa, Bryn Terfel oder Vesselina Kasarova wären zu nennen. Das Bedürfnis, einfacheres Liedgut oder volksliednahe Kunstlieder aufzunehmen, gab es allerdings früher auch schon: Der Tenor John McCormack produzierte größere Mengen von "popular irish songs and ballads", und auch Kathleen Ferrier nahm zwischen 1949 und 1952, also in der letzten Phase ihres 1953 durch eine Krebserkrankung früh zu Ende gegangenen Lebens, solches Repertoire auf. Wie unprätentiös ging so etwas damals noch vonstatten! Da wurden keine Chöre und Orchester ins Studio gekarrt, da wurde auch kein Komponist mit der Anfertigung von Arrangements beauftragt: Kathleen Ferrier pur gibt es zu hören, begleitet lediglich mit schlichtem Klaviersatz, oder, im Fall von "Blow the wind southerly", sogar ganz allein. Ihre Art, die einfachen Melodien zu interpretieren, ist sicher Geschmacksache, denn auf das intensive Vibrieren der Stimme mag die Sängerin auch hier vor allem in den gefühlvollen, langsamen Stücken nicht verzichten. Aber wenn sie hier und da auch der Gefahr des "overacting" erliegt, bietet sie andernorts, etwa in "My boy Willie" oder "The keel row", doch auch sehr unprätentiöse, humorvolle Interpretationen. Die hohe musikantische Begabung von Kathleen Ferrier – sie liebte es, sich auf Partys selbst am Klavier zu begleiten und allerlei Unterhaltsames darzubieten – kommt in diesen Nummern wirkungsvoll zum Tragen.
Die Studioaufnahmen der vorliegenden Sammlung werden ergänzt durch den Mitschnitt einer Rundfunkübertragung vom 5. Juni 1952, bei der Ferrier, begleitet von Frederick Stone, einige Lieder von Warlock, Parry, Vaughan Williams und Bridge auf ihre unnachahmliche Art zelebrierte. Ferrier-Fans werden an den hier zusammengestellten (und von Naxos wohlrestaurierten Aufnahmen) sicher viel Freude haben.

Michael Wersin, 21.07.2005



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