Zunächst eine Entwarnung: Verrückt wird man von dieser CD nicht! Eher wird man erstaunt sein, wie sich Komponisten von einem portugiesischen Volkstanz infizieren ließen. Von der Folia, bei dessen Rhythmen man in einen derartigen Taumel geriet, dass man fast wahnsinnig wurde. Wie im Laufe von vier Jahrhunderten dieser Tanz mit seinem markanten Bass-Wiegen und -Tosen in die Kunstmusik Einzug gehalten hat, haben die Alte-Musik-Spezialisten um Jordi Savall nun auf einem "Folia"-Album dokumentiert. Und das ist gleichzeitig auch eine Ergänzung zu der vor zwei Jahren veröffentlichten CD "All 'Improvviso" des L'Arpeggiata Ensembles. Das Team um Christina Pluhar stellte die Folia nicht nur in den Kontext von ähnlich verbreiteten Ostinato-Bässen, beispielsweise einer Chaconne, sondern spannte plausibel und improvisierend den Bogen bis zum Jazz. Jordi Savall bietet dagegen den Siegeszug der Folia mit ihrer typischen Melodie in Reinform, angefangen von der "Folias" des Spaniers Francesco Corbetta bis zu den wehmütig-stolzen und dann wieder springlebendig-virtuosen Variationen eines Arcangelo Corellis und eines Antonio Vivaldis.
Bei aller zwangsläufigen Ähnlichkeit der ausgewählten Stücke für Soloinstrumentalisten bis zum Septett kommt aber allein schon deswegen keine Langeweile auf, weil die Musiker um Jordi Savall sich mit vitalem Schwung, mit facettenreicher Gestaltungsenergie und Brillanz auf die Spuren dieses Ohrwurms gemacht haben. Und wie es sich für eine Trüffelnase wie Savall gehört, ist er selbst in Peru auf eine archaische "Folias criollas" gestoßen, die animierender ist als jede Inka-Folkore in deutschen Fußgängerzonen.

Guido Fischer, 21.04.2006



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