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Great Voices: Elisabeth Rethberg Live

Elisabeth Rethberg

Phonographe/Note 1 PH 5103
(75 Min., 1936 - 1941) 1 CD

Historische Sängeraufnahmen haben oft die Aura einer Reise in eine uns fremde Vergangenheit: Erst rauscht, knackt und kratzt es eine Weile, dann ertönen einige hektische Akkorde des namenlosen Klavierbegleiters oder des erbärmlich schlechten Orchesters. Wenn danach der Gesang beginnt, ist man oft überrascht von der ungewohnten Sprachbehandlung und Stimmführung; manches wirkt unfreiwillig komisch für heutige Ohren. Aber immer wieder gibt es auch Stimmen, die trotz aller aufnahmetechnischen Mängel und veränderten Hörgewohnheiten über viele Jahrzehnte hinweg eine atemberaubende Präsenz und interpretatorische Glaubwürdigkeit vermitteln: Es ist, als stünde der Mensch plötzlich im selben Zimmer.
So ergeht es einem mit den Aufnahmen dieser CD, welche die vokale Kunst der Sopranistin Elisabeth Rethberg festhalten, aufgenommen irgendwann zwischen 1936-1941 an irgendwelchen Opernhäusern - Genaueres verrät das dürftig ausgestattete Beiheft nicht. Die Aufnahmequalität ist teilweise sehr schlecht, was der Autor des einführenden Textes mit "pioneering techniques" erklärt. Vergleicht man sie mit den Mitschnitten, die schon in den zwanziger Jahren beispielsweise an der Met entstanden sind, kommt der Verdacht auf, die "pioneering techniques" könnten sich in der Hand eines geschäftstüchtigen Bühnenarbeiters oder Orchestermusikers befunden haben.
Was wir hören, ist die Stimme einer Anfangs- bis Mittvierzigerin: Rethberg, 1894 geboren, verabschiedete sich 1942 von der Bühne. Zutiefst beeindruckend ist die perfekte Durchbildung ihres jugendlich und frisch klingenden Organs, dessen umfangreiche Skala in eine metallische, gleichzeitig aber warme, pulsierende hohe Lage mündet. Unvergleichlich sind die atemberaubenden Spitzentöne in den beiden "Mimí"-Arien aus "La Bohème" und in "Pace mio Dio" aus "Die Macht des Schicksals". Eine kraftvolle, gut verankerte Tiefe offenbart sie vor allem in der Aida-Arie "Ritorna vincitor". Einzige Alterserscheinung sind ein paar etwas zu tief angesetzte Töne, die man in früheren Jahren nicht von ihr gehört hätte.
Trotz aller technischen Mängel und editorischen Fragezeichen sind die Aufnahmen eine wertvolle Ergänzung zum bisher erhältlichen Repertoire der Rethberg. Unter ihnen befinden sich sehr wahrscheinlich Mitschnitte aus Aufführungen an der Met, zu deren Ensemble die in Sachsen geborene Sängerin von 1922-1942 durchgehend gehörte. Toscanini bezeichnete Elisabeth Rethberg 1929 als "größte lebende Sopranistin", ein Urteil, das selbst ihre späten Aufnahmen noch zu bestätigen vermögen.

Michael Wersin, 19.10.2000



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