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Franz Schubert

Klaviersonate B-Dur D 960

Swjatoslaw Richter

Melodiya/BMG GD 69078
(1972)

Diese ganze Einsamkeit, Verlorenheit und grenzenlose Traurigkeit, sie hängt dem Namen Schubert mittlerweile so an wie früher das süßliche Klischee vom Dreimäderlhaus. Doch fragt noch jemand, wer diesen jenseitigen, leichenfahlen Schubert-Ton eigentlich gefunden hat, vielleicht gar erfunden? Bei der "Winterreise" prägte uns Fischer-Dieskaus Weg durch dies Werk hindurch bis ins erlösungslose Zwielicht des "Leiermanns". Niemand würde daran zweifeln.
Bei der B-Dur-Klaviersonate, Schuberts letztem großen Klavierwerk, geschrieben nur zwei Monate vor dem armseligen Tod in der Wohnung, die er als Trockenmieter bezogen hatte, war es Swjatoslaw Richter, der das beängstigende Aroma des Fremden aufspürte. Richter allein. Es gibt sehr viele schöne Aufnahmen der Sonate, von Schnabel, von Serkin, von Brendel, aber Richters Deutung steht so isoliert, so unverwechselbar da wie nur wenige Aufnahmen der Geschichte. Wer jemals den ersten Satz angehört hat, dessen "Molto moderato" Richter so unerhört ausbreitet, in so viel Kahlheit erstarren lässt (das dauert fast fünfundzwanzig Minuten), der wird dies Spiel immer wieder erkennen.
Dass das Andante ein bewegender Gesang ist, ein dankbares Vortragsstück obendrein, ist keinem Interpreten entgangen. Richter legte aber, als er 1972 in Salzburg diese Aufnahme machte, sehr viel Gewicht auf den problematischeren ersten Satz. Ein Pianist, der ihn als melodisch erfülltes Strömen hört, wird ihn rascher nehmen, wird die Wiederholung nicht spielen, und doch werden wir den Satz dann - vielleicht - zu lang, gar langweilig finden.
Richter aber lässt all das singende, ausströmende sogleich erfrieren im kriechenden, starren Zeitmaß. Lebt diese Melodie überhaupt noch? Seine Generalpausen am Beginn könnten nicht beunruhigender gähnen. So wissen wir nach einer Minute, dies ist ein Spiel an der Grenze des Möglichen, des Erträglichen. Trostloser, grauer kann das B-Dur nicht mehr sein. Ja, bei Richter streift uns gelegentlich der Eishauch einer Sektion, denn er macht nicht halt bei den Exerzitien melodischen Erstarrens, er legt kühl frei, dass Schubert diesen Zug hinab, diesen tödlichen Sog, offen einkomponiert hat als Strukturmerkmal, das jeder Spieler eigentlich wahrnehmen müsste.
Der fallende, chromatische Quartgang vom b zum f, er verbirgt sich in den Basstrillern, im Fundament des ersten Themas, er ist überall zu finden, dieser Wegweiser hinab. Zu lesen fast wie eine barocke Affektwendung, wie ein Seufzer. Und diese Wendung ist eine Klammer, beklemmend fühlbar und wohl doch nur wenigen bewusst: In den ersten paar Takten des Schlussallegros, im Bass, übernimmt sie wieder die Führung.
Das mag jetzt allzu abstrakt klingen, aber Richter erklärt uns wirklich, wie Schubert so etwas erzeugt - Bodenlosigkeit, Angst. Wir alle können es beim Anhören dieser legendären Aufnahme fühlen, ohne es so genau wissen zu müssen.

Matthias Kornemann, 02.03.2000



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