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Gabriel Fauré

Diverse

Quatuor Via Nova, Raymond Gallois-Montbrun, Colette Lequien, André Navarra, Jean Hubeau

Erato/Warner 8573 84251-2; Erato/Warner 4509 96953-2
(292 Min., 1969, 1970) 122/170 Min.

Die raschen Arpeggien des Klaviers in Diskantlage beginnen wie aus dem Nichts heraus leise zu perlen; noch verraten sie keine eindeutige Tonalität, denn sie basieren nicht auf dem Grundton des Akkordes, den sie repetieren. Eine Violine gesellt sich mit ihrer traurigen, nach anfänglichem Abwärtssprung sehnsüchtig nach oben strebenden und gleich darauf wieder ermattet abfallenden Melodie hinzu. Kaum hat sie ihr kurzes Thema beendet, da fängt sie im Unisono mit einem Cello noch einmal von vorne an, nicht jedoch um sich einfach zu wiederholen: Gemeinsam erweitern die beiden Streichinstrumente den bisher recht engen harmonischen Rahmen mittels einer überraschenden melodischen Modifikation, und wie ermutigt durch ihren Erfolg enden sie nicht im zu erwartenden Augenblick, sondern verströmen sich noch länger mit neuen motivischen Ideen. Allmählich belebt sich die Musik auch in dynamischer Hinsicht; ein großes Crescendo reißt eine weitere Violine und eine Viola mit ins Geschehen, und alles strebt endlich machtvoll auf die Grundtonart d-moll zu. Die ersehnte Entspannung tritt jedoch nicht ein; stattdessen öffnet ein schmerzlicher D-Dur-Akkord mit kleiner Septim und Non den Vorhang zu weiteren mitreißenden Steigerungspassagen ....
Schwärmerische Musik-Beschreibungen dieser Art sind aus der Mode gekommen. Wo man sie in alten Büchern oder auf Schallplattenhüllen noch findet, lassen sie einen unwillkürlich schmunzeln. Gabriel Faurés Kammermusik jedoch – oben wurde der Beginn seines ersten Klavierquintetts in d-moll op. 89 in Worte gefasst – wird sicher von vielen Hörern so bildhaft erlebt, wobei die detaillierte Wahrnehmung der musikalischen Faktur gar nicht vom Komponisten intendiert war: Er wollte seine Hörer bezaubern und verführen, seine Musik sollte sie möglichst weit über das, was real ist, hinausheben. Auf abstraktere Weise als Faurés Liedschaffen vermögen dies vor allem seine Kammermusikwerke. Bei uns immer noch wenig populär, führen sie mitten in Herz des Wunders Gabriel Fauré, indem sie seine unverwechselbare, eigenständige Tonsprache aufs Umfassendste dokumentieren: Klare, oft modal eingefärbte melodische Linien, die sich zu einer komplexen polyphonen Struktur verweben, weisen u. a. auf Faurés intensive Auseinandersetzung mit Alter Musik. Die weite, aber immer logisch-stringente Ausschreitung des harmonischen Vokabulars der Spätromantik taucht das horizontale Geschehen in ein faszinierend unwirkliches, wie aus einer fernen Welt herüber kommendes Licht.
Kaum jemals ist Faurés Kammermusik für drei und mehr Instrumente schöner eingespielt worden als 1969/1970 durch Jean Hubeau und das Quatuor Via Nova bzw. eine nicht benamte Streichtrio-Formation mit Raymond Gallois-Montbrun an der Spitze. Jean Hubeau (1913 oder 1917 bis 1992), wirkte pädagogisch an den Konservatorien von Paris und Versailles; sein Name erscheint in zahllosen Musiker-Biografien. Er war ein anerkannter Komponist (seine einst gelobten Werke sind allerdings mittlerweile von der Bildfläche verschwunden) und ein außergewöhnlich brillanter Pianist, der sich speziell um das französische Kammermusik-Repertoire verdient gemacht hat. Faurés höllisch schwerer Klaviersatz fordert ihn zu Höchstleistungen in punkto Virtuosität, Transparenz und Klangschönheit heraus.
Die Aufnahmen der je zwei Quartette und -Quintette sind in einer günstigen Doppelbox (Erato 8573-84251-2) zu haben. Gemeinsam mit dem Klaviertrio und dem Streichquartett (Faurés letztes Werk) erschienen die vier Werke auch in einer 3-CD-Box (4509-96953-2), die zudem ein Beiheft mit umfangreichen Werkeinführungen enthält.

Michael Wersin, 01.03.2003



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