Dave Brubeck

Time Out

Dave Brubeck-Quartet


Columbia Legacy/Sony
(38 Min., 6/1959 - 8/1959) 1 CD

Ausgerechnet Dave Brubeck soll ein Meilenstein der Jazzgeschichte zuzuschreiben sein, dem Mann, der für viele Hardcore-Jazz-Fans der Inbegriff des weißen Westcoast-Jazz ist, jenes Stils, der in ihren Ohren ein geschmäcklerischer Verräter der schwarzen Wurzeln ist? Doch hat diese puristische Verachtung, zumal wenn sie von europäischen Weißnasen artikuliert wird, nicht etwas Absurdes, ja letztlich gar Rassistisches an sich?
Sicher ist die Bedeutung Brubecks nicht die einer stilbildenden Leitfigur wie Charlie Parker oder Miles Davis - und doch ist seine Bedeutung für die Wirkungsgeschichte des Jazz ungeheuer. Über die fünfziger Jahre hinaus hat Dave Brubeck die gleichen Musiker in seinem Quartett an sich binden können und so etwa Paul Desmond, dem großartigen lyrisch strengen Melodiker des Altsaxofons, eine erfolgreiche Verwirklichung ermöglicht. Mit seiner cool distanzierten und doch Kopf, Herz und Fuß gleichermaßen ansprechenden Musik war dieses Quartett in der jungen weißen Mittelschicht ungeheuer populär.
Mit dem Album "Time Out" von 1959 erreichte dieser Siegeszug auch Europa. Wie die College-Studenten legten nun auch deutsche Pennäler "Take Five" auf, tanzten zu "Three To Get Ready" und schlürften den Blues bei "Blue Rondo A La Turk" als hippen Jazz-Mokka. Die dumpfe Restauration der Nachkriegszeit war überwunden. John F. Kennedy symbolisierte den Aufbruch zu neuen Ufern, und "Take Five" war vielen die Hymne dieses neuen Lebensgefühl von einer neu entdeckten Leichtigkeit des Seins. Schließlich wurde bei Brubeck bei aller Liebe für Anklänge an europäische Formelemente und den intellektuellen Spielereien mit ungeraden Metren zupackend gejazzt. Dabei räumten die Liner Notes zu "Time Out" durchaus ein, dass Max Roach schon früher mit ungeraden Rhythmen experimentiert hatte. Doch es war mit "Time Out", dass ein neues Rhythmusgefühl eine breite Schicht erfasste.
Paul Desmonds Saxofon kündet trotz aller vielleicht vordergründig wirkender Eleganz durchaus von existenzieller Erschütterung, Joe Morellos Schlagzeugspiel bleibt ein Musterbeispiel geschmacksicher zupackenden Swings. Der Bassist Gene Wright ist alles andere als ein Alibi-Schwarzer, und Brubeck selber gibt Beispiele spezifisch weißer, aber nicht minder verquerer harmonischer Hipness.
So wurde dieses Album für viele zu einem Schlüsselerlebnis, einem Türöffner zu den schwarzen Jazz-Manifestationen eines John Coltrane, Charles Mingus oder Thelonious Monk. In der Flut neomoderner Veröffentlichungen im Blue-Note-Sound besticht die Musik von "Time Out" heute mehr denn je mit einer natürlichen Frische.

Thomas Fitterling, 01.01.2000


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück