Spiritual Unity

Albert Ayler


ESP/Calibre/BEV Musik
(30 Min., 7/1964) 1 CD

Für seine ersten dokumentierten Gehversuche im Jazz musste der Tenorsaxofonist Albert Ayler noch auf stur boppende skandinavische Begleiter zurückgreifen, mit denen er 1962/63 wenig überzeugende Versionen bewährter Standards einspielte. Ayler und seine Begleiter agierten wie Monaden - und die haben bekanntlich keine Fenster. So kam Ayler seiner musikalischen Vision keinesfalls näher, zumindest das wird ihm dabei klar geworden sein.
Sein rettender Engel nahte aus unerwarteter Richtung: Das Schlüsselerlebnis der Begegnung mit Albert Ayler inspirierte den Musikeranwalt Bernard Stollman, nebenher Verfechter der Kunstsprache Esperanto, zur Gründung eines gleichnamigen Plattenlabels, das auch musikalisch keine Sprachbarrieren dulden sollte. In einer programmatischen Geste bot er Ayler an, sein erster Künstler zu werden.
Obwohl der Titel "Ghosts" in zwei Versionen vorkommt, geriet die erste ESP-Platte sehr knapp - unter einer halben Stunde. Noch dazu wurde die Musik am 10. Juli 1964 irrtümlich mono aufgezeichnet. Trotzdem geriet "Spiritual Unity" zur reinsten Manifestation von Aylers eigenständigem Beitrag zum damaligen "New Thing".
In seiner Gruppe mit Gary Peacock, dem bei Paul Bley und Bill Evans gereiften Meisterbassisten, und Sunny Murray, dem auch für Cecil Taylor tätigen, eher koloristisch wirkenden Free-Schlagzeuger der ersten Stunde, kreist Ayler, äußerlich betrachtet, um vergleichbar religiös-spirituelle Themen wie der späte Coltrane und macht wie jeder von seiner Sache überzeugte Prophet keine Zugeständnisse an die Erwartungen seiner Zuhörer. Er intoniert zwar diatonische Folkloremelodien und Anklänge an die "Marseillaise" oder "Morgen kommt der Weihnachtsmann" und greift auf simple Bluesformeln zurück. Man lasse sich dadurch aber nicht ins Bockshorn jagen: Da sich die eingängigen Motive gegenseitig ablösen, kommt zwischendurch zwar, freundlich gesagt, Jahrmarktsstimmung auf, aber Aylers weites, pathetisch-sentimental klagendes Vibrato in den balladesken Abschnitten im Wechsel mit pfeilschnell exekutierten, durch extremes Überblasen geräuschhaften Passagen ergibt eine aggressive Mischung, die Aylers spürbares Werben um Verständnis bei einem breiteren Publikum von vorneherein aussichtslos macht.
Sechs Jahre später, nachdem Ayler aus ökonomischen Gründen wieder zum Rhythm 'n' Blues seiner Anfänge zurückgekehrt war, lag keinem besonders an der Aufklärung seines mysteriösen Todes: Wochen nach Aylers spurlosem Verschwinden wurde seine Leiche aus dem Hudson River geborgen. Im Gegensatz zu Ornette Coleman, der über einen ähnlichen Werdegang verfügte und dessen emotionale Unmittelbarkeit ebenfalls zunächst als Scharlatanerie verunglimpft wurde, blieb Albert Aylers Wirkung zu Lebzeiten gering. Erst in den späten siebziger Jahren - beim jungen David Murray - gewinnt man den Eindruck, dass Ayler in der Jazzgeschichte doch eine Spur hinterlassen hat.

Mátyás Kiss, 01.05.2000


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