Complete Savoy Masters

Charlie Parker


Savoy/Fenn DR 11140
(1944 - 1949) 2 CDs

Studioaufnahmen als Bandleader machte Charlie Parker für mehrere Labels. Doch den besten Einblick in jene Phase, als der Bebop noch jung und revolutionär war und Parker die Sprache des Saxofons neu lexikalisierte, geben die Aufnahmen für die Firma Savoy. Diese Zusammenstellung enthält seine 22 Master Takes als Bandleader, 12 weitere als Sideman sowie 8 großenteils großartige Live-Aufnahmen aus dem legendären „Royal Roost“. Die Studio-
Takes sind noch auf die 78er-Schellacks zugeschnitten und selten länger als drei Minuten.
Bei Parkers erster Leader-Sitzung entstanden sechs Masters, zwei davon ohne dass die Musiker wussten, dass die Mikros offen waren. Die Sitzung vom 26. November 1945 gehört zu den ungewöhnlichsten der Jazz-Geschichte, eine Mischung aus Katastrophe und Genialität: typisch für den tragischen Helden des Bebop.
Parker kam viel zu spät ins New Yorker WOR-Studio und hatte dann auch noch Probleme mit seinem Saxofonblättchen. Der vorgesehene Pianist Thelonious Monk fiel ganz aus, Parkers Trompeter-Freund Dizzy Gillespie war vertraglich anderswo gebunden, ein neunzehnjähriger Juilliard-Student namens Miles Davis musste deshalb den Trompeten-Part übernehmen und Dizzy glänzte (incognito) hauptsächlich am Klavier. Dann kamen Drogen und Mädchen ins Spiel, und alles ging noch mehr drunter und drüber. „Die größte Aufnahme-Session in der Geschichte des modernen Jazz“ – so lautete die Werbung der Plattenfirma Savoy.
Ganz falsch ist das nicht: Tatsächlich entstanden an diesem verrückten Tag gleich mehrere Jazz-Klassiker. Zum Beispiel „Billie’s Blues“, vielleicht der idealtypische Bebop-12-Takter, ein mit Quart- und Quintsprüngen und scheinbaren Walzertakten vollgepacktes Thema, das angeblich der Sängerin Billie Holiday gewidmet ist und in ihrem Lieblingstempo gespielt wird. Oder „Now’s The Time“, Parkers einfachstes Blues-Thema, ein Jump-Riff auf drei Tönen, das vom „Downbeat“-Kritiker 0 Sterne bekam, während die Verantwortlichen bei Savoy Parker für lächerliche fünfzig Dollar sofort und auf ewig das Copyright an der Nummer abkauften. Vier Jahre später wurde das Stück unter dem Titel „The Hucklebuck“ ein großer R&B-Hit durch Paul Williams – natürlich auf Savoy ...
Der Platz reicht nicht aus, um alle Jazz-Evergreens zu würdigen, die aus Parkers paar Savoy-Sessions hervorgingen: das modernistisch-abstrakte „Ko Ko“ mit Dizzy Gillespie an der Trompete, die erdig-schlichten Blues-Nummern „Buzzy“ und „Bluebird“, die raffinierteren Blues „Cheryl“, „Barbados“ und „Perhaps“, die im zweistimmigen Kontrapunkt gespielten „Chasin’ The Bird“ und „Ah-Leu-Cha“, beide über die Harmonien von „I Got Rhythm“, sowie einige weitere (zum Teil halsbrecherische) Altsax-Improvisationen über Gershwins Akkorde.
Und dann ist da noch „Parker’s Mood“ aus der letzten Studio-Sitzung für Savoy. Bei zwei Parker-Sessions im September 1948 entstanden sieben typische Bop-Nummern in schnellen Tempi zwischen M. M. 168 und sagenhaften M. M. 324. Das achte Stück fiel dagegen völlig aus dem Rahmen: ein langsamer Blues in B, 76 Beats pro Minute, ein monumentaler Showcase für Parker – ohne einen zweiten Bläser und ohne einen richtigen Themen-Chorus. In nur drei Blues-Strophen vollzieht Parker hier die Quadratur des Kreises, die Versöhnung von traditionellem Slow Blues mit modernem Jazz.
Die Übergänge sind fließend: Mal singt und shoutet sein Saxofon wie ein Blues-Sänger, mal rennt es in 32stel-Noten und 16tel-Sextolen durch die Harmonien. Der Sänger Clarence Beeks machte Parkers Improvisation 1954 zum R&B-Hit, indem er sie Ton für Ton betextete und nachsang und darin Parkers baldigen Tod und ein Begräbnis in Kansas City prophezeite. Es heißt, Parker habe Beeks Aufnahme gefürchtet. Schon im Frühjahr 1955 bewahrheitete sich ihr Text.

Hans-Jürgen Schaal, 01.03.2001


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