Richard Wagner

Die Meistersinger von Nürnberg

Norman Bailey, Kurt Moll, Bernd Weikl, René Kollo, Adolf Dallapozza, Hannelore Bode, Julia Hamari u.a., Wiener Staatsopernchor, Gumpoldskirchner Spatzen, Wiener Philharmoniker, Georg Solti

Decca 417 497-2
(1975) 4 CDs, Komponiert: 1861-67, Uraufführung: 1868 in München; ADD


Trotz peinlicher Deutschtümelei, nationalem Pathos und Nazi-Vereinnahmung: Wagners Riesenwerk ist ein hinreißendes Spektakel sondergleichen. Kein anderes Werk der Operngeschichte vereinigt derart genial prachtvolle Kulissen mit subtiler Komik, mittelalterliches Idyll mit kulturpolitischer Zukunfts-Mission, altertümliche "Weisen" mit modernster, an Farben und komplexer Motiv-Technik überbordender Tonsprache.
In keinem anderen hat Wagner sich mit seinen Hauptfiguren derart identifiziert: mit Hans Sachs, dem Vermittler zwischen der verknöcherten Meister-Tradition und den heraufstürmenden Kunst- und Kulturneuerungen; und mit dem Junker Stolzing, der für diese Provokationen steht und zudem mit seiner Heirat des Bürgermädchens Eva der romantischen Liebe gegen alle tradierten Sozialschranken zum Sieg verhilft. Nicht zuletzt ist das Werk ein bitter-bös-komisches - mit realen, blutvollen Menschen ohne den sonst bei Wagner vorherrschenden mythologisch-mystischen Pessimismus. Eine kräftige Ohrfeige gab Wagner seinem Intimfeind, dem Kritiker Eduard Hanslick, den er in Gestalt des skurrilen, borniert-konservativen, ursprünglich "Hans Lich" genannten "Beckmesser" verhohnepipelt.
Wer diese komische, ja drastische Seite auskosten und gleichzeitig die ernste, kulturhistorische Tiefendimension erleben will, der fährt mit Herbert von Karajans inzwischen legendär zu nennender Dresdner Studioproduktion am besten. Seine Solistencrew glänzt allseits, angefangen vom würdigen, feinfühligen Sachs Theo Adams über René Kollos jugendlich-strahlenden Ritter und dessen anrührende, glockenhelle Helen Donath als Eva. Trefflich artig-tumb gibt sich Peter Schreier als David, mit Geraint Evans Beckmesser empfindet man fast Mitleid, so mitleidlos wird dem komischen Kauz das Nörgeln heimgezahlt. Gerade auch die einzigartigen Massenszenen liegen bei Karajan in besten Händen: Mit den beiden sächsischen Chören und der von Wagner zu Recht sogenannten Dresdner "Wunderharfe" geraten sie zu facettenreich aufgefächerten sinfonischen Triumphen (grandios die "Prügelfuge" mit der Massenprügelei).
Rafael Kubelik wie auch Georg Solti stehen als famose Partiturdurchleuchter Karajan in nichts nach. Vor allem Kubelik legt eine nervig-sehnige Akribie sondergleichen zutage. Leider kann sein Stolzing (Sándor Kónya) nicht mit dem Karajans und Soltis, die nicht zufällig beide Kollo engagierten, mithalten. Thomas Stewart hingegen verkörpert mit seinem profunden Baßbariton einen unnachahmlich autoritätvollen Sachs.
Der aufnahmetechnisch neuesten Produktion unter Wolfgang Sawallisch (EMI) zum Trotz, die bei aller orchestralen Üppigkeit wenig textverständlich, zudem klanglich mulmig ist und wenig Gespür für Wagners Humor zeigt, führt das Triumvirat der drei verstorbenen alten Herren Karajan, Kubelik, Solti weiterhin die Meistersinger-Parade an.

Christoph Braun




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